[Freitagsfragen] Wieviel Verantwortung tragen Wissenschaftler?

Charlie | Freitag, 14. Juni 2013 |

Jaaa, ihr habt richtig gelesen. - Heute gibt es endlich mal wieder eine Freitagsfrage :).
Vor ein paar Monaten hatte ich diese Postidee und da wir neulich in der Schule einen Film zu dem Thema geguckt haben, dachte ich, ich stelle euch diese Frage auch einmal.
 (*hust*, ja, ich bin ein Streber und beschäftige mich in meiner Freizeit mit Fragen aus dem Schulunterricht, aber diese hier finde ich wirklich interessant!)




Vor ein paar Monaten war unsere Lektüre im Deutschunterricht "Die Physiker" von Friedrich Dürrenmatt und diese Komödie behandelt - wenn man denn mal durchblickt, was ich ohne die Unterrichtsgespräche vermutlich nicht geschafft hätte - die Frage, ob und inwiefern Wissenschaflter für die Folgen ihrer Forschungsergebnisse verantwortlich sind.
Für alle, die kein Problem mit Spoilern haben, hier eine kurze Einführung in die Problematik:

In "Die Physiker" geht es, wie man gegen Ende herausfindet, um den Wissenschaftler Möbius, der eine für die Wissenschaft bedeutende Entdeckung gemacht hat. Leider kann man anhand dieser Forschungsergebnisse eine Art Superwaffe bauen, mit der man die gesamte Menschheit vernichten bzw. unter die eigene Kontrolle bringen könnte. Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, dass wusste er selbst nicht, als er angefangen hat zu forschen.
Nun sieht Möbius die Gefahr ein, die eine solche Erfindung birgt, und beschließt, so zu tun, als sei er verrückt, damit niemand seine Ergebnisse ernst nimmt. Er behauptet, ihm erscheine König Salomo und lässt sich in die Psychatrie einliefern, wo er mit zwei weiteren verrückten Physikern zusammenwohnt. Diese sind, wie sich heruasstellt, in Wahrheit Geheimagenten, die an Möbius' Forschungsergebnisse rankommen wollen, und jeder der drei Physiker vertritt eine andere Position zu der Frage, ob ein Wissenschaftler für die Folgen seiner Forschung verantwortlich ist.

Einer der Geheimagenten ist beispielsweise der Meinung, ein Forscher habe nichts damit zu tun, was aus seinen Erfindungen gemacht wird, denn er erarbeite nur die Formeln, aus denen dann andere Waffen entwickeln könnten. Möbius ist, wie man sieht, anderer Meinung, denn er fühlt sich verantwortlich für das, was mit seinen Entdeckungen in Zukunft angestellt werden könnte.
Wer hat nun Recht?

 
So viel zu "Die Physiker".
Kommen wir nun zu dem Film, der mich zu diesem Post inspiriert hat.
Es handelt sich um einen Schwarzweißstreifen, den wir im Chemiunterricht gesehen haben. Er heißt "Der Rat der Götter" und es geht um den Chemiker Dr. Hans Scholz, der in einer Fabrik an Giftgasen forscht. Die Handlung beginnt 1933, als die Nationalsozialisten die Macht übernommen haben, und Dr. Scholz bekommt den Auftrag, an einer misslungenen Versuchreihe weiterzuforschen. Zunächst denkt er sich nichts dabei und hört auf seinen Chef, doch im Laufe der Zeit wird er immer misstrauischer und fragt sich, wozu die Ergebnisse seiner Forschungen eigentlich gebraucht werden. Wie sich herausstellt, produziert Scholz ohne es zu wissen genau die Giftgase, mit denen damals die Juden in Konzentrationslagern getötet wurden.

Hier offenbart sich nun eine ganz neue Ebene der heutigen Freitagsfrage, denn es ist nicht nur so, dass Scholz' Forschungen für ein Verbrechen verwendet werden - Er weiß es auch und tut (zunächst) nichts dagegen.
Auch wenn er nicht direkt an der Tötung von Menschen beteiligt war, wird er später angeklagt.
- Zu Recht?



Wow, das war nun eine wirklich lange Einführung in das Thema, aber ich wollte euch zeigen, wie ich überhaupt auf diese Frage gekommen bin und schon mal zwei (wenn auch fiktive) Einzelfälle vorstellen.
Kommen wir nun zu den Fragen, die sich daraus ergeben:

Ab wann ist denn nun ein Wissenschaftler für seine Forschungen verantwortlich?
Ist jemand, der am Thema Kernspaltung forscht, um Möglichkeiten zur Energiegewinnung für den normalen Haushaltsgebrauch zu finden, Schuld daran, wenn jemand anderes eine Atombombe daraus entwickelt? Sollte man sich bei jeder neuen Forschung gleich Gedanken darüber machen, welche negativen Folgen sie haben könnte? Und kann nicht theoretisch jede Forschung für Böses verwendet werden?
Und wie viel Verantwortung trägt ein Wissenschaflter wie Dr. Scholz, der forscht, ohne zu fragen wofür bzw. jemand, der mit seinen Forschungen persönlich nichts Böses anrichtet, aber weiß, dass die Ergebnisse dazu benutzt werden, Menschen zu töten?
Was meint ihr?
Ich bin wirklich gespannt, was ihr sagt.


Meine persönliche Meinung ist ja folgende:
Natürlich kann man als Wissenschaftler nie alle Folgen seiner Forschungen vorher genaustens kennen. Im Grunde dürfte man sonst sowieso nie forschen, weil es ja immer sein könnte, dass hundert Jahre später jemand die Entdeckungen für den Bau einer Superwaffe oder Ähnlichem verwendet. Ein wenig Risiko besteht also immer, und man kann schließlich auch keine Dinge erfinden, die dem Menschen helfen, wenn man sich nicht traut, weil ja eventuell jemand etwas Böses damit anstellen könnte.
Trotzdem sollten sich Forscher nicht vollkommen aus der Verantwortung ziehen. Der klischeehafte "verrückte Wissenschaftler", der bei seinen Experimenten das ganze Haus in die Luft sprengt, ist beispielsweise durchaus verantwortlich, wenn aufgrund seiner Unvorsichtigkeit Menschen verletzt werden.
Genauso ist jemand, der für dubiose Arbeitgeber forscht, ohne nachzufragen, schuld, wenn sich herausstellt, dass seine Forschungsergebnisse für böse Zwecke verwendet wurden - ähnlich wie jemand, der ein Vebrechen beobachtet, aber einfach wegschaut.
Noch schlimmer ist es, wenn jemand sehr wohl weiß, dass er für die Herstellung einer menschenvernichtenden Waffe forscht. Dann tötet er zwar nicht direkt jemanden, aber er gibt anderen die Möglichkeit dazu, ja, hilft ihnen sogar dabei, und das ist meiner Meinung nach nicht zu entschuldigen.

Jetzt bin ich aber gespannt auf eure Meinungen!

Kommentare:

  1. Hallo Charlie.
    Der Mensch trägt ständig Verantwortung mit sich herum. Frühes Nachdenken ist da durchaus der Sache dienlich.
    Nehme ich einmal Wissenschaftler, die einzig forschen, weil das Forschen hier & dort möglich ist. Ihr Ehrgeiz liegt einzig im Vorlegen von Resultaten (karrierefördend!). Auswirkungen interessieren nicht - denn alles ist geheiligte Wissenschaft.
    Konkret, wäre die Möglichkeit via Gentest auf meine Prädisposition zu diversen Krankheiten zu blicken. Aber muß ich ein ehrliches Interesse darauf verwenden - als Mensch. Eine xyz-hohe Wahrscheinlichtkeit an ist noch lange keine eintretende Wahrheit. Sich also sorgen um ein Möglicherweise?! Kann für die Psyche - just junger Menschen - nicht gesund sein.
    Wenn der biologische (!) Todestag eines jeden in den Genen entschlüßelbar wäre - würde/sollte/müßte uns das interessieren?!!
    Ich denke nicht...
    So besehen sollten sich Wissenschaftler überlegen wofür sie an was forschen wollen.

    Die großen Ferien locken also.
    :-)

    bonté

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    1. Hallo RoM,

      du hast hier weitere interessante Fragen zum Thema Wissenschaft & Forschung genannt.
      Ich denke, dass es immer die Wissenschaftler gibt, die einfach nur forschen, um zu verstehen. Trotzdem frage ich mich manchmal, warum ausgerechnet an bestimmten Themen geforscht wird (beispielsweise psychologische Untersuchungen, ob Menschen ihre Handys lieben), wenn es auch wichtigeres gibt (Erneuerbare Energien als Ersatz für Öl). Auch das gehört doch irgendwie zur Verantwortung eines Wissenschaftlers.
      Und wie du schon sagst, scheinen einige Forschungen auch nichts zu bringen als neue, teilweise unnötige Sorgen und Panik über etwas, das man ohnehin nicht mehr ändern kann.

      Liebe Grüße
      Charlie

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