[Buchrezension] "Der große Gatsby" von F. Scott Fitzgerald

Charlie | Samstag, 13. Juli 2013 |






Originaltitel: The Great Gatsby 
Autor: F. Scott Fitzgerald
Verlag: Anaconda
Genre: Klassiker
Reihe:/
Erscheinungsdatum: Dt. Erstausgabe: 1928
Seitenzahl: 224 (Gebundene Ausgabe)
Verlagsseite











Wie groß ist Gatsby wirklich?


 Inhalt

Im Jahr 1922 kommt er angehende Geschäftsmann Nick Carraway nach New York. Sein Nachbar ist der geheimnisvolle Jay Gatsby, der vor allem durch seine rauschenden Feste bekannt ist, über den jedoch niemand genaueres zu wissen scheint. Nick lernt ihn schon bald besser kennen und stellt fest, dass Gatsby einige Geheimnisse hegt - unter anderem die traurige Geschichte einer scheinbar verlorenen Liebe.




Meinung

Was erwartet man von einem Buch mit dem Titel "Der große Gatsby"?
Nun, vielleicht eine Geschichte, die von einem "großen", sprich heldenhaften, Mann handelt, der sich durch besondere Taten auszeichnet. Vielleicht auch einen Bericht, wie dieser Mann "groß" wurde.
Ich zumindest habe so etwas ähnliches erwartet und wurde von diesem Klassiker der Literatur leider sehr enttäuscht.

Es fängt bereits mit dem Erzähler an. Nick Carraway erzählt zunächst einmal gar nicht Gatsbys Geschichte, sondern seine eigene, die dann langsam zu seinem Eindruck von Gatsby und später dann zu dessen wahrer Geschichte übergeht. Als Leser wundert man sich die ersten hundert Seiten also erstmal, wo denn nun Gatsby bleibt und was an ihm so groß ist.
Hinzu kommt, dass Nick weder eine spritzige Persönlichkeit noch ein sonderlich sympathischer Charakter ist. Dem Leser erscheint er als ein langweiliger Mitläufer ohne eigene Meinung, der sich von jedem herumschubsen und beeindrucken lässt. Dafür spricht unter anderem, dass er zu Beginn des Buches erwähnt, Gatsby verkörpere alles, was er hasst, jedoch sofort in dessen Bann gezogen wird und ihn eigentlich nie kritisiert.

Doch auch die anderen Charaktere sind leider nicht viel besser, allen voran Gatsby.
Ich kann beim besten Willen nicht verstehen, wieso er im Titel "Der große" genannt wird, denn soweit ich das Buch verstanden habe, ist er nichts weiter als ein reicher, unglücklich verliebter Mann - Man erfährt ja nicht mal, wieso er so reich ist oder was für einen Beruf er gelernt hat und die Taten, die ihn zum Helden machen könnten (z.B. sein Kriegsdienst), werden kaum erwähnt.
Am schlimmsten jedoch ist, dass er Nick andauernd "Alter Knabe" nennt, was in Anbetracht der Tatsache, dass sie ungefähr gleich alt sind, immer etwas herablassend klingt.
Vielleicht soll der Titel aber auch gerade das aussagen, was ich für die Botschaft des Romans halte: dass die oberflächliche Gesellschaft der zwanziger Jahre einen Mann für groß hält, nur weil er reich ist, und dass so jemand trotz allem ein normaler Mensch mit normalen Problemen ist.

Und wo wir schon bei Gatsbys Problemen sind: Daisy ist ebenfalls nicht gerade eine Sympathieträgerin. Mir ist schleierhaft, wie man sich in so ein oberflächliches, eingebildetes und vom Geld gelenktes Ding verliebt sein kann und sie hat mich regelmäßig aufgeregt.

Um es kurz zu fassen findet man im ganzen Roman kaum eine sympathische Figur.
Die Handlung bietet ein weiteres Problem, denn ich konnte den Sinn des Romanaufbaus nicht wirklich erkennen. Wie bereits erwähnt passiert in der ersten Hälfte kaum etwas aufregendes, da Gatsby erst gar nicht erwähnt und stattdessen Nicks Alltag beschrieben wird. Als der Namensgeber des Buches dann endlich auftaucht, tut er zunächst nichts aufregendes und schließlich passiert dann an Ende alles auf einmal.
Insgesamt fehlte mir ein roter Faden, eine Haupthandlung, der man folgen und auf deren Ausgang man gespannt sein kann. Dies ist eventuell damit zu erklären, dass Fitzgerald einfach nur ein Portrait der 20er Jahre schaffen und gar keine spezielle Geschichte erzählen wollte, doch mir persönlich fehlte ein roter Faden als Anreiz weiterzulesen.

Der einzige Pluspunkt, den man dem Roman lassen kann, ist der wunderschöne Schreibstil. Fitzgerald gelingt es in einer metaphernreichen Sprache, die jedoch nie kitschig wirkt, die glamouröse Atmosphäre der 20er perfekt wiederzugeben. Man fühlt sich regelrecht in die rauschenden Parties der gehobenen Gesellschaft hineinversetzt, was einer der wenigen Gründe war, warum ich den Roman trotz allem gerne gelesen habe.


Fazit

Meine Bewertung dieses Buches entsteht wohl aus einem Bauchgefühl heraus, denn trotz der Tatsache, dass der Schreibstil der einzige Pluspunkt war, vergebe ich noch 3 Sterne. Empfehlen kann ich das Buch jedoch nur Leuten, die auf der Suche nach einem authentischen Gesellschaftsportraitnder 20er Jahre sind, denn eine wirklich aufregende Handlung oder Charaktere, die die Lektüre Wert wären, bietet "Der große Gatsby" nicht.






Kommentare:

  1. Grüß Dich, Charlie.
    Ich sehe proklamierte Klassiker mehr in der Ecke einer Momentaufnahme. Wie ein Artefakt aus besagter Zeit. Mit jeder Generation ändert sich der Blick darauf. Solid geerdet wird ein Klassiker erst durch seine Bedeutung über all die Jahrzehnte hinweg. Was sagt er mir? - als die zentrale Frage an den Text.

    Den Titel "Der große Gatsby" habe ich eigentlich immer ironisch aufgefaßt. Eben als die leere Hülle hinter der sich ein Langweiler mit Geld aufgebahrt hat.
    So besehen nach wie vor aktuell - zumal die Schaumschläger in der Öffentlichkeit (für nix Talent, das aber bundesweit) eher inflationieren.

    Shakespeare - seine Stücke wären jetzt für mich eher Klassiker der Kunst. Nach Jahrhunderten steckt hierin noch immer Leben.
    Gut. Ich gestehe, daß sich hierbei mein Interesse für Geschichte ideal weiterspinnen läßt. :-)

    bonté

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    1. Bonjour RoM,

      knapp vier Monate später antworte ich nun auch mal.

      In der Leserunde, in der ich Gatsby gelesen habe, haben das auch einige so gesehen wie du, als Momentaufnahme, die einfach die Stimmung in dieser Zeit wiedergibt, aber ich merke immer wieder, dass mir das bei Büchern nicht reicht. Ich brauche auch eine Handlung und interessante Figuren.
      Und genau wie Frage, was mir der Text sagt, konnte ich ja leider nicht beantworten.

      Hm, als Ironie habe ich das noch gar nicht betrachtet.
      Interessanter Blickwinkel :).

      Von Shakespeare habe ich, das muss ich jetzt mal gestehen, immer noch nichts gelesen. Mir ist die Sprache irgendwie zu schwer zu verstehen, aber einige der Geschichten sprechen mich durchaus an, also mal sehen ;).

      Liebe Grüße
      Charlie

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  2. Puh ich wollte mir dieses Buch schon länger mal zu legen, ich bin ziemlich froh darüber, dass ich es nicht getan habe ^^!
    Solche Bücher sind nichts für mich und ich bin dir unglaublich dankbar für deine Rezension :D

    Vielen Dank!
    Liebst, Lotta

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    1. Haha, freut mich, dass meine Rezension dir helfen konnte :D.

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  3. Ich habe dir einen Award verliehen ^-^

    http://monaslittleworld90.blogspot.de/2013/07/one-lovely-blog-award.html

    Liebe Grüße

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  4. Schade dass du von dem Buch enttäuscht wurdest :( Ich hab es zwar nicht gelesen, weil ich schon den Inhalt irgendwie nicht so spannend fand, habe allerdings überlegt mir den Film anzusehen. Hast du denn schon den Film gesehen?
    LG, Jane

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    1. Mittlerweile (Haha, ist ja auch schon ein halbes Jahr her ^^), habe ich sowohl den alten Film aus den 70ern als auch den neuen von 2013 gesehen. Der alte ist für heutige Verhältnisse relativ langweilig aber der neue ist von den Bildern, Kostümen und der Musik her wirklich genial gemacht.
      Ändert zwar nix daran, dass die Charaktere doof sind :P, aber er ist kein schlechter Film.
      Hast du ihn mittlerweile auch gesehen :)?

      LG ;)
      Charlie

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  5. Hi, Du hast einen super Blog und ich finde Deinen Artikel sehr hilfreich. Ich habe zu dem Buch vom großen Gatsby sogar einen ganzen Blog mit meiner Klasse gemacht und das hat wirklich gut zum Verständnis beigetragenn:
    http://wirlesenfitzgerald.blogspot.de/

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    1. Dankeschön, das freut mich!
      Bist du Lehrerin?
      Ist auf jeden Fall eine tolle Idee.

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