[Buchrezension] "Der Name des Windes" von Patrick Rothfuss

Charlie | Donnerstag, 11. Juni 2015 |


Einerseits genial, andererseits hat es leider auch Längen






Originaltitel: The Name of the Wind
Autorin: Patrick Rothfuss
Verlag: Klett-Cotta
Genre: High Fantasy
Reihe: 1. Teil einer Trilogie (in Deutschland als Tetralogie verkauft)
Erscheinungsdatum: Oktober (?) 2008
Seitenzahl: 864 (gebunden)
Verlagsseite












Inhalt

Kvothe, der Blutlose; Kvothe, der Königsmörder - er hat viele Namen und noch mehr Geschichten ranken sich um den geheimnisvollen Mann. Die meisten halten ihn für tot, kaum jemand weiß, dass der unauffällige Wirt im Wirtshaus "Zum Wegstein" ebendieser Kvothe ist.
Einem reisenden Chronisten erzählt Kvothe nun seine Lebensgeschichte:

Bei einer Truppe fahrender Künstler aufgewachsen, schlug er sich nach der Ermordung seiner Eltern als Straßenkind durch, bevor er an die Universität kam, um etwas über die Chandrian, die Mörder seiner Familie, zu erfahren. Dort machte er sich nicht nur Freunde und lernt ein bezauberndes Mädchen kennen, er legt sich auch gleich mit einem Meister und einen einflussreichen Adligen an.



Meinung

"Der Name des Windes" wurde mir als bester Fantasy aller Zeiten empfohlen und ich muss sagen, ich bin wirklich beeindruckt. Vergesst den Vergleich mit "Herr der Ringe", dieses Buch ist einzigartig. Doch so fasziniert ich von der Komplexität der Welt auch war, kann ich einfach keine fünf Sterne vergeben, denn das Buch hat leider deutliche Längen.

Patrick Rothfuss ist definitiv ein Fantasy-Autor, wie man ihn sich wünscht, denn er hat offenbar eine unglaubliche Fantasie. Geografisch, kulturell, religiös - Er hat die Welt, in der seine Reihe spielt, bis ins kleinste Detail durchdacht, was es für den Leser bis zum Ende interessant macht, anfangs aber auch verwirrend sein kann, da beispielsweise die Monate länger sind als unsere, nicht in Wochen, sondern in Spannen gerechnet wird, und die Tage allesamt fremdartige Namen haben. Auch die Währung funktioniert komplett anders als die moderne amerikanische und ist etwas kompliziert, weshalb es empfehlenswert ist, am Anfang die Erklärungen zu Kalender und Währung im Anhang des Buches zu lesen.
Besonders die vielen Legenden, unter anderem über Tehlu, der offenbar eine Mischung aus Gott und Held in der dortigen Kultur ist, sind faszinierend, da sie oft nur im Hintergrund eingeflochten werden, aber beweisen, wie viel Mühe Rothfuss sich bei der Gestaltung seiner Welt gegeben hat.
Ein weiterer überaus interessanter und origineller Aspekt ist die Form der Magie, die sogenannte Sympathie, die an der Universität gelehrt wird. Die Sympathie hat strenge Regeln und funktioniert keinesfalls so leicht, wie man sie sich in anderen Fantasyromanen oder -filmen vorstellt, und gerade das macht sie so interessant. Momente, in denen Kvothe Sympathie anwendet, waren meist meine Lieblingsstellen.

Auch bei der Gestaltung seiner Figuren hat sich Rothfuss sichtlich Mühe gegeben und im Laufe des Romans begegnet man vielen interessanten Charakteren, von denen jedoch nicht alle so komplex und authentisch sind, wie man es sich angesichts der Dicke des Romans wünschen könnte. Kvothe selbst beweist in jungen Jahren häufig eine beeindruckende Kreativität und einen tollen Humor, wirkt aber nicht immer wirklich glaubwürdig, da er so ziemlich jede Schwierigkeit meistert, viel mehr weiß und kann als seine Altersgenossen  und geistig auch den meisten Älteren überlegen ist, was zwar ganz unterhaltsam sein kann, irgendwann aber auch langweilig wird.
Während einige Figuren wie Elodin oder Bast noch nicht auf den ersten Blick zu durchschauen sind und in den nächsten Bänden noch interessant werden könnten, wirken einige andere eher oberflächlich und stereotyp.
Nichtsdestotrotz ist die Menge und bunte Mischung an Figuren ebenfalls ein Aspekt, der das Buch interessant macht.

Gut gemacht ist auch der Aufbau des Romans, der aus einer Rahmen- und einer Binnenhandlung besteht, die den Leser beide geschickt neugierig machen.
Die Binnenhandlung - die Geschichte, die Kvothe von seiner Kindheit und Jugend aus der Ich-Perspektive erzählt - nimmt den Hauptteil des Buches ein, wird jedoch eingeleitet und immer wieder unterbrochen von der Rahmenhandlung, die viele Jahre später spielt.
 In der Rahmenhandlung, die in der dritten Person erzählt wird und so auch einen Einblick in die Gefühle und Gedanken anderer Figuren, vor allem des Chronisten, gibt, passiert im Grunde nicht viel, da sie größtenteils eine Einleitung in Kvothes Geschichte bildet und ein paar Andeutungen enthält, die den Leser auf das neugierig machen, was Kvothe nun erzählen wird. Doch am Ende kommt es auch in der Rahmenhandlung zu Ereignissen, die zeigen, dass die Gefahren, die Kvothe durchstehen musste, noch nicht vorbei sind - nicht zu vergessen die bereits im Prolog enthaltene Andeutung, dass Kvothe bald sterben wird.

Trotz dieser Spannungselemente und der vielen interessanten Ideen, hat das Buch jedoch leider auch enorme Längen, was vor allem daran liegt, dass man nicht so richtig weiß, worauf das Ganze hinauslaufen wird. Zwar macht Kvothe des Öfteren Andeutungen darüber, was ihm alles passiert ist (für den Leser also noch passieren wird), doch im Grunde scheint die gesamte Binnenhandlung keiner anderen Struktur zu folgen als seinem Leben. Das bedeutet, dass mitunter auch über hundert Seiten von Dingen erzählt wird, bei denen man sich fragt, wieviel sie wirklich mit den Legenden um Kvothe zu tun haben und wie relevant sie für die spätere Geschehnisse sind. Daher fällt es auch schwer, auf interessante Weise zu erzählen, worum es in diesem Buch geht. Folgt man einfach nur dem Leben eines talentierten, angehenden Arkanisten oder wird hier langsam eine Geschichte über den Kampf gegen die Chandrian vorbereitet?
Vielleicht wird alles klarer, wenn man die letzten beiden (im Deutschen sogar drei) Bände gelesen hat, doch beim Lesen dieses ersten Teils wurde ich persönlich das Gefühl nicht los, dass der Autor hier einfach zu viel auf einmal wollte: eine komplexe Welt, die gesamte Lebensgeschichte seiner Hauptfigur und auch noch eine spannende Geschichte. Letztere musste leider etwas in den Hintergrund treten.


Fazit

Ich fühle mich fast schlecht, weil ich "Der Name des Windes" nur 4 Sterne gebe, denn Patrick Rothfuss hat hier definitiv ganze Arbeit geleistet und eine unglaublich detailreiche und komplexe Welt mit einer eigenen, faszinierenden Kultur und vor allem einer sehr originellen Art von Magie geschaffen, die zu entdecken einfach Spaß macht. Mitunter hat der Roman auch recht spannende und unterhaltsame Passagen und es gibt genug Andeutungen, unbeantwortete Fragen und interessante Charaktere, um Lust auf mehr zu machen, doch leider hat das Buch auch ziemliche Längen und Passagen, bei denen ich mir noch nicht sicher bin, wie wichtig sie wirklich für die späteren Geschehnisse sind. Allgemein habe ich einen Spannungsbogen vermisst, weshalb ich nur vier Sterne geben kann.
 



Kommentare:

  1. Servus, Charlie.
    Eine eigene Welt literarisch zu erschaffen ist immer eine Sache der Leidenschaft dafür (sollte es im Ideal der Fälle zumindest sein). Allerdings bedingt das Werkeln an der eigenen Schöpfung auch, daß einem viel lieb wird - und deshalb notwendigst erscheint. Dem leiblichen Kind sagt man/frau ja auch nicht, daß es seine Schuldigkeit getan hätte.
    Übertrieben formuliert jetzt.
    Von Tolkien fand ich es deswegen anmerkenswert, daß er zwar einen komplexen Kosmos erschuf, aber sich auf seine beiden Geschichten konzentrierte.

    Ansonsten...
    Darf ich Dich noch zu Thomas Thiemeyers "Devil's River" verführen!?

    bonté

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    1. Ja, das stimmt sicherlich. Ich verstehe auch, wieso Mr. Rothfuss das alles in seinem Buch unterbringen wollte. Doch im Zweifelsfall kann er seine vielen Hintergrundinformationen ja immer noch extra veröffentlichen, so wie J. K. Rowling es z.B. in Pottermore tut. Dann können die richtigen Fans sich das zu Gemüte führen und ich kann eine spannende Geschichte ohne Längen lesen :D.
      Eventuell sollte ich irgendwann auch mal den Herrn der Ringe lesen. Irgendwann...

      Wenn du das empfehlen kannst, dann vielleicht ;). Darf ich fragen, wie du jetzt auf dieses Buch kommst?

      LG,
      Charlie

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    2. ...empfehle ich gern, da selber gerade lesend. :-)
      Weil Du bei Rothfuss ein zuviel an Ausschweifung bemängelt hast, kam mir der Roman, über Grausiges aus dem amerikanisch/kanadischen Grenzgebiet von anno 1870, direkt in den Sinn. Zwei stringente Spannungsbögen, die aufeinander zu brechen.

      "Der Herr der Ringe"...Tolkiens Hauptwerk dürfte ich inzwischen an die vier Mal gelesen haben. Läßt einen nicht so leicht los.
      Mae govannen!

      bonté

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  2. Hallo Charlie!
    Von der Reihe hört man wirklich überall. Das Gute bei mir ist, dass ich noch nie Tolkien Bücher gelesen habe und mich deshalb wahrscheinlich nichts an dem Buch an Herr der Ringe erinnern wird, aber ich habe mich im letzten Moment doch immer dazu entschieden, das Buch nicht zu lesen... Ich lese eigentlich wirklich gerne Bücher, die zumindest versteckt eine Liebesgeschichte haben, so standard das auch ist :D Gibt es eine in der Reihe?
    Liebste Grüße!
    Pauline/Jada von icebloxx

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    1. Jada, hi :)! Lange nichts mehr von dir gehört!
      Tja, das ist dann natürlich ein Vorteil, dann bist du durch den ständigen Vergleich mit "Der Herr der Ringe" nicht voreingenommen. Ging mir ja auch so ^^.
      Ja, naja, es gibt da ein Mädchen, in das Kvothe verliebt ist, und von der er bereits in der Rahmenhandlung andeutet, dass sie noch wichtig werden wird. Bis jetzt ist er aber erst 12 oder so, also läuft da noch nicht wirklich viel ^^.

      LG :),
      Charlie

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