[Buchrezension] "Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben" von Matt Haig

Charlie | Sonntag, 8. Mai 2016 |


Ehrlich, berührend und schonungslos anschaulich - Die Geschichte einer Depression




© dtv






Originaltitel: Reasons To Stay Alive
Autor: Matt Haig
Verlag: dtv
Genre: Erfahrungsbericht, Sachbuch
Reihe: /
Erscheinungsdatum: März 2016
Seitenzahl: 304 (Gebunden mit Schutzumschlag)
Verlagsseite









Inhalt


Matt Haig ist Schriftsteller, unter anderem bekannt für "Die Radleys" und "Ich und die Menschen". Doch vor einigen Jahren noch hätte er nie geahnt, einmal so weit zu kommen, denn mit 24 Jahren erkrankte er an Depression. Familie und Freunde standen ihm bei, doch in seinen schlimmen Phasen kämpfte er trotz allem gegen den Wunsch, seinem Leben ein Ende zu setzen.
In diesem Buch schildert er sowohl Fakten zur Depression als auch seine eigenen Erfahrungen mit der Krankheit und dem Kampf dagegen.


"Sich zu zwingen, die Welt durch die Augen der Liebe zu sehen, kann gesund sein. Liebe ist eine Einstellung zum Leben. Sie kann uns retten."
- S. 236



Meinung

"Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben" ist ein Buch, das verdammt schwer einzuordnen ist. Es ist weder ein komplett subjektiver Erfahrungsbericht, da ab und zu Kapitel mit sachlichen Informationen eingestreut sind, noch ist es ein Sachbuch, da es sich vor allem auf die subjektiven, sehr bildlich und umgangssprachlich beschriebenen Erfahrungen des Autors bezieht.
Das macht es auch so schwer, das Buch angemessen zu bewerten.

Selbst, wenn man sich vorher bereits mit Depressionen befasst hat, wirft dieses Buch nochmal einen neuen, erschreckenden Blick darauf, denn es beschreibt die Krankheit nicht nur wissenschaftlich und ist auch kein Ratgeber für Betroffene oder Angehörige; es ist tatsächlich hauptsächlich Matt Haigs Schilderung seines Krankheitsverlaufs und seines Umgangs damit. Dadurch lässt es offen, wieviele andere Betroffene die Krankheit genauso oder vielleicht völlig anders erleben und wirkt gerade so angenehm ehrlich, da der Autor nicht versucht, dem Leser irgendwelche "universellen Wahrheiten" und Tipps aufzudrängen.
Er sieht das Buch lediglich als eines, das vielleicht einigen Lesern helfen könnte, da immer noch zu wenige Menschen sich trauen, offen über ihre Depression zu sprechen, und es ihm selbst geholfen hat, etwas über die Krankheiten anderer und ihre Sicht der Dinge zu lesen.
Dabei bleibt er auch stets ehrlich und gibt zu, die Krankheit noch nicht überwunden zu haben.
Doch insgesamt wirkt Matt Haig trotzdem wie ein positives Beispiel für Erkrankte: Ja, er hat gelitten, hatte viele schlimme Phasen und Rückfälle, hat sich gewünscht nicht mehr zu existieren, doch der Leser wird auch immer wieder daran erinnert, dass er mittlerweile - wenn auch noch immer nicht vollständig gesund - Familienvater und erfolgreicher Autor ist. Das Leben des Autors ist weitergegangen, er hat gekämpft und noch viele glückliche Momente erlebt, und der Leser wird das auch.


"Wenn du Depressionen hast, bist du deshalb nicht mehr oder weniger Mann oder Frau oder Mensch, als hättest du Krebs, eine Herz-Kreislauf-Erkrankung oder einen Autounfall."
- S. 85


Das Buch ist sehr abwechslungsreich geschrieben, mal mit langen, mal mit kurzen Kapiteln, mal mit Listen (beispielsweise die Symptome des Autors, depressive Prominente oder Warnzeichen einer Depression), mal mit kurzen wissenschaftlichen Abschnitten, wobei der Autor nicht müde wird zu erwähnen, dass jeder Mensch die Krankheit anders erlebt und ihm somit auch etwas anderes helfen könnte.
Leider wirkte das Buch dadurch auch manchmal recht unstrukturiert auf mich, weil es bis auf den chronologisch beschriebenen Krankheitsverlauf nicht wirklich sortiert ist.

Beeindruckend ist vor allem der extrem anschauliche Schreibstil, wenn es darum geht, wie der Autor die Symptome seiner Depression und Angststörung erlebt. Die Empfindungen des Lesers kommen so natürlich noch immer nicht ansatzweise an die der Erkrankten heran, doch man bekommt so ein viel besseres, wenn auch erschreckendes Bild der Krankheit und wird sich vielleicht teilweise erst bewusst, wie furchtbar sie tatsächlich ist und dass sie sich deutlich von "ab und zu schlecht drauf sein" abgrenzt.

Was mir während der ganzen Schilderungen jedoch gefehlt hat, war die Frage, ob der Autor wegen seiner Krankheit in Therapie war und ob ihm das geholfen hat, da meines Wissens nach viele Erkrankte diesen Weg wählen. Er äußert sich zwar viel zu Medikamenten und zu anderen Dingen wie seiner eigenen Einstellung und dem Verhalten seiner Mitmenschen, eine Therapie wird jedoch nicht erwähnt.


Fazit

"Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben" ist ein sehr schwer zu rezensierendes Buch, denn wie kann man sich anmaßen, die subjektiven Erfahrungen eines Menschen zu bewerten?
In jedem Fall wirft das Buch einen faszinierenden wie erschreckenden und informativen Blick auf die Krankheit "Depression" und öffnet so vielleicht dem ein oder anderen Leser die Augen. Berührt hat es mich in jedem Fall sehr und ich kann es nur weiterempfehlen.
Trotzdem gibt es von mir - ganz nach subjektivem Empfinden, nur sehr gute vier Sterne, weil das Buch mir ab und zu zu unstrukturiert wirkte und mir ein wichtiger Aspekt gefehlt hat.


Kommentare:

  1. Yum tuv, Charlie.
    Angelsächsische non fiction Autoren (speziell aus den Staaten) laßen gernst den messianischen Aspekt in Ihren niedergeschriebenen Ein- & Ansichten aufblitzen. Nach dem Motto aus allem eine Bewegung zu machen. Umso angenehmer fallen dann jene Bücher ins Gewicht, die sich ohne dieses (enervierende) Sendungsbewußtsein geben.

    Eigentlich muß eine Rezi nicht wirklich oder abschließend bewerten, denke ich. Es genügt bereits der Einblick in das Gelesene wie die Formulierung des subjektiven Eindrucks.

    Off topic... :-)
    Nach 'Rogue One' steht mit der Vorgeschichte des Han Solo der nächste stand alone der Star Wars stories fest. Alden Ehrenreich sieht sich der dezenten Herausforderung gegenüber, den schlitzohrigen Corellianer zu spielen. Wiederzugeben aber nicht zu interpretieren - schließlich muß sich seine Darstellung nahtlos in die von Harrison Fords Charakter einfügen können. Und das, ohne einzig zu kopieren. Anmerkenswert.
    Über den Plot schießen derweil zwangsläufig die Spekulationen ins Kraut... ;-)

    bonté

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    1. Hallo RoM,

      um das zu beurteilen, habe ich zu wenig Erfahrung mit Sachbüchern, denke ich. Ich glaube, dieses ist das erste eine angelsächsischen Autors, an das ich mich erinnern kann.

      Uh, da bin ich aber gespannt, denn Ehrenreich kenne ich bisher nur aus einem Film, den ich absolut grottig fand ("Beautiful Creatures"). Nun gut, mit Han Solo wird er diesmal aber auch eine Rolle spielen, die mir deutlich mehr zusagt. Erstmal sind wir gespannt auf "Rogue One" ;).

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