[Filmkurzrezensionen] "Victoria" und "Whiplash"

Charlie | Sonntag, 10. Juli 2016 |

"Victoria"

 



Originaltitel: -
Genre: Drama
Basiert auf: -
Länge: 140 Min
Altersfreigabe: ab 12
Deutscher Kinostart: 07.02.2015
Produktionsland: Deutschland
Darsteller: Laia Costa, Frederick Lau, Franz Rogowski, Burak Yiğit, Max Mauff, André M. Hennicke
Regie: Sebastian Schipper
Drehbuch: Sebastian Schipper, Olivia Neergaard-Holm, Eike Schulz
Quelle
Trailer



Inhalt 
Die junge Spanierin Victoria, die seit rund drei Monaten in Berlin lebt, lernt dort in einem Club die jungen Männer "Sonne", "Boxer", "Blinker" und "Fuß" kennen, mit denen sie um die Häuser zieht. Besonders zu Sonne fühlt sie sich hingezogen, doch dann bekommt Boxer einen Anruf, der eine Wendung bringt: Eine Gefängnisbekanntschaft fordert einen Gefallen ein, der den jungen Leuten zum Verhängnis werden könnte.

Meinung
Bei seiner Premiere auf der Berlinale 2015 sorgte "Victoria" vor allem durch die ungewöhnliche Drehtechnik für Aufsehen, denn der Film ist nur in einem Take - sprich: ohne einen einzigen Schnitt - gedreht worden. 
Das bedeutet einerseits für die Schauspieler eine extreme Herausforderung: Ähnlich wie beim Theater hatten sie hier nur eine Chance, da nicht jede Szene wiederholt gedreht werden konnte, und ein Großteil der Dialoge war improvisiert, damit auf unvorhergesehene Ereignisse eingegangen werden konnte. Letzteres fällt an einigen Stellen zwar auf (beispielsweise, wenn Victoria ihre Frage an den Barkeeper wiederholen muss, weil dieser sie akustisch nicht nicht verstanden hat), wirkt dadurch aber sehr authentisch und teilweise gewollt. Die Leistung der Darsteller ist hier schon beeindruckend, weil man kein einziges Mal das Gefühl hat, sie würden stocken, weil sie nicht mehr weiterwissen.
Generell ist die schauspielerische Leistung in "Victoria" qualitativ sehr hochwertig, vor allem von Laia Costa (Victoria) und Frederick Lau (Sonne), die beide eine ganze Palette an Emotionen glaubhaft wiedergeben, sodass ihr Schicksal den Zuschauer berührt. Von Max Mauff (Fuß) und Burak Yiğit (Blinker) sowie diversen Nebenfiguren, die nur kurze Auftritte haben, bekommt man kaum etwas mit, da auch die Handlung und die Figuren mit großen Sprechanteilen in "Victoria" der Einfachheit halber extrem reduziert wurden. Franz Rogowski (Boxer) hat ebenfalls noch eine halbwegs große Rolle, die er glaubhaft ausfüllt.
Andererseits bedeutet die erwähnte Drehtechnik aber auch, dass die Kameraeinstellungen für den Zuschauer teils sehr ungewohnt sind. Da keine Zeit war, die Kamera auf einem Auto oder bestimmten Gestellen zu platzieren, lief der Kameramann mit den Darstellern mit, sodass das Bild des Öfteren wackelt. Soll etwas auf der anderen Seite des Raumes gezeigt werden, wird die Kamera dort geschwenkt, wo man bei anderen Filmen einfach geschnitten hätte, sodass ein viel langsameres Bild entsteht. Dadurch wirkt der Film besonders in der ersten Hälfte recht gemächlich, woran man sich erstmal gewöhnen muss.
Was bei einem Drehbuch mit so viel Raum für Improvisation meiner Meinung nach zu kurz gekommen ist, ist die Handlung und die Vielschichtigkeit des Films. Während der Charakter Victoria durch einen sehr intimen Dialog mit Sonne etwas mehr Tiefe bekommt, bleiben die anderen Figuren eher blass; selbst Sonne, von dem man hauptsächlich seine fröhliche Fassade mitbekommt.
Die Handlung plätschert in der ersten Hälfte nur vor sich hin, was mitunter etwas langatmig werden kann. Gegen Ende wird es dann noch extrem spannend und emotional und besonders die letzten Minuten fand ich sehr gelungen und überraschend, doch Teile des Handlungsverlaufs kamen mir doch recht unlogisch und zu vereinfacht vor, was aber sicherlich auch dem recht einfach gehaltenen Drehbuch geschuldet ist.
"Victoria" kann durch die faszinierende Drehtechnik und die dabei wunderbar gemeisterten schauspielerischen Herausforderungen, ebenso wie durch den spannenden Showdown punkten, jedoch kommen die Charaktere zu kurz und die Handlung enthält einige Logiklücken. Empfehlenswert, wenn auch wegen der einzelnen, 140-minütigen Kameraeinstellung etwas gewöhnungsbedürftig. Ich vergebe 4 Sterne.
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"Whiplash"



Originaltitel: Whiplash
Genre: Drama, Musikfilm
Basiert auf: dem gleichnamigen Kurzfilm des Regisseurs aus dem Jahr 2013, welcher widerum z. T. autobiografisch ist
Länge: 106 Min
Altersfreigabe: ab 12
Deutscher Kinostart: 19.02..15
Produktionsland: USA
Darsteller: Miles Teller, J. K. Simmons, Paul Reiser, Melissa Benoist, u.A.
Regie: Damien Chazelle
Drehbuch: Damien Chazelle
Quelle
Trailer



Inhalt 
 
Andrew Neimann ist ein ehrgeiziger, junger Jazz-Schlagzeuger am Shaffer Conservatory of Music in New York. Eines Tages beobachtet ihn Terence Fletcher, ein extrem angesehener Dozent, bei seinen Proben und nimmt ihn in seine Studioband, mit der er auch bei namenhaften Wettbewerben auftritt, auf. Doch schnell merkt Andrew, dass Fletcher nicht nur ehrgeizig, sondern geradezu wahnhaft ist und beim Drill seiner Schüler sadistische Züge zeigt. Alles geben ist für Fletcher noch immer nicht genug und nicht jeder ist stark genug für seine Schikanen.
 
 
Meinung
 
Ein großes Kompliment geht an die beiden Hauptdarsteller bzw. Hauptdarsteller Miles Teller und den zumindest bei der Oscarverleihung 2016 als Nebendarsteller gewerteten J. K. Simmons. "Whiplash" ist ein Film, der sich sehr auf die beiden Charaktere Neimann  und Fletcher konzentriert, und besonders Andrew wird mehr als einmal in mehrere Minuten dauernden Close-Ups bei seinen schweißtreibenden Probensessions, seiner Verzweiflung, seiner Wut und seinen Qualen unter Fletcher gezeigt, was Miles Teller so authentisch rüberbringt, dass man mit ihm leidet und die Musik lebt. Des Weiteren spielt er alle Schlagzeugszenen tatsächlich selbst, wenn auch in kleinere Teile aufgeteilt als nachher im Film gezeigt. Das erforderte nicht nur eine exzellente Schnitttechnik (wofür es auch den Oscar gab), sondern auch intensivste Proben mit einem professionellen Jazzschlagzeuger - ein nicht zu unterschätzender Einsatz für die Rolle, wenn auch natürlich nicht das Extremste, was ein Schauspieler je für seine Rolle getan hat.
Doch auch Simmons brilliert in seiner Rolle so sehr, dass man ihn einfach nur noch hassen kann für das, was seine Figur seinen Schülern antut. Gleichzeitig ist Fletcher mit seinen extrem kreativen Beleidigungen und seinem trockenen, bösen Humor trotzdem sehr komisch und genau wie Andrew empfindet man als Zuschauer eine gewisse Faszination für diesen Mann, der wohl eine echte Größe im Jazz sein muss, wenn sich so viele Musiker freiwillig der Tortur bei ihm unterziehen. 
 
Der Handlung merkt man an, dass sie auf einem Kurzfilm basiert, denn man bekommt den Eindruck, der Film sei hauptsächlich durch lange Band- und Schlagzeugsolo-Szenen gestreckt worden, während man kaum Figuren kennenlernt und auch über Andrew abseits seines musikalischen Ehrgeizes wenig Persönliches erfährt. Der Teil seines Privatlebens, der eingebaut wurde, kam mir auch recht gezwungen vor und wirkte lediglich wie eine Untermauerung der Tatsache, dass für ihn nichts über seine musikalische Karriere geht.
Eine wirkliche Entwicklung der Handlung mit Spannungsbogen und einer Auflösung des Konfliktes sucht man bei "Whiplash" vergeblich. Es ist ein Film darüber, wie weit Ehrgeiz bei Schülern und Lehrern gehen kann, aber ob man daraus eine wirkliche Moral ziehen kann, ist fraglich, denn das Ende überrascht dann doch noch mal, bleibt aber auch teilweise offen und es gibt während der ganzen Geschichte nur einen einzigen wirklichen Umbruch, der dann zum Finale hin wieder recht schnell und etwas zu leicht relativiert wird.
Daher sehe ich "Whiplash" eher als Momentaufnahme aus der beginnenden Karriere eines jungen Schlagzeugers und als solche ist der Film ja auch nur realistisch, denn wann läuft das Leben schon nach einem vorgeschriebenen Spannungsbogen und kommt zu einer zufriedenstellenden Lösung? 
 
Begeisterung für Musik, insbesondere Jazz und/oder Schlagzeug sollte man auf jeden Fall aufbringen können, wenn man sich "Whiplash" anschaut, denn musikalische Szenen nehmen, wie bereits erwähnt, einen großen Teil des Filmes ein und man muss sich auch das ein oder andere Stück öfter anhören. Vielleicht macht der Film auch noch mehr Spaß, wenn man die Qualität von Andrews Schlagzeugspiel beurteilen kann, was bei mir als Laie nicht der Fall war. 

"Whiplash" beeindruckt durch die schauspielerische Leistung der beiden Hauptfiguren und bietet einen faszinierenden, wenn auch etwas übersteigerten Einblick darin, wie weit Ehrgeiz Musikert reiben kann, wobei besonders die wechselhafte Beziehung der beiden Hauptfiguren im Fokus steht. Abseits dessen und der beeindruckenden Musikszenen passiert jedoch nicht sehr viel und es fehlt den Figuren an Tiefe. Ich vergebe knappe 4 Sterne.

Kommentare:

  1. Zwar zwei tolle Kritiken, sind aber ehrlich gesagt beides nicht so meine Filme. Die wären mir wohl einfach zu lang gezogen, weil ich es gar nicht mag, wenn ein Film vor sich hinplätschert oder zu viele Längen hat. Somit versuche ich sowas mittlerweile zu meiden, wobei ich ja finde, dass das gerade bei den Oscar Filmen typisch ist. Da haben die meisten ja mittlerweile echt krasse längen und ich denke mir immer, dass ne halbe Stunde weniger manchen Filmen echt nicht geschadet hätte.

    Danke auch für dein liebes Kommentar.
    Ich glaube aber, dass das auch darauf ankommt wie dein Studiengang aufgebaut ist. Ich habe mich da an den Studienverlaufsplan gehalten und nachdem hat man in den ersten zwei Semester die ganzen Grundlagen Vorlesungen und dann folgen die Seminare. Nächstes Semester werde ich aber noch mal eine Vorlesung im Bereich der Wahlfächer haben. Da könnte ich zwar auch ein Seminar belegen, aber ich wollte mich inhaltlich unbedingt noch mit den Vereinten Nationen beschäftigen. Aber das ist echt wie gesagt von Studiengang zu Studiengang verschieden, ich kenne viele, die haben durchgehend in jedem Semester nur Vorlesungen mit Übungen. Aber es ist schon klasse, wenn du dann da angelangt bist, wo du wählen kannst ;).

    Ich glaube das geht vielen so, generell ist es aber auch so, dass da ne ganze Menge drunter fällt. In den Usa ist ehrlich gesagt vieles nicht so optimal, auch abseits des Wahlkampfes. War schon manches mal sehr schockiert über die Dinge, die wir erfahren haben. Wenn man mal hinter die Glamour Welt schaut, bleibt da nicht mehr viel Glamour übrig. Mit den Kandidaten und wer die besten Chancen hat haben wir uns auch beschäftigt, das fand ich klasse, somit war es echt passend, das da der Wahlkampf schon so richtig schön in Fahrt war. Krankenversicherungen gibt es schon, nur sind die richtig teuer. Selbst bei der Variante, die am meisten abdeckt, muss man noch überall drauf zahlen und die kostet übrigens 1000 Dollar im Monat, also echt heftig.

    Ich studiere Politikwissenschaften und Soziologie ;), heißt zwar Political und Social Studies, aber ist eine Kombi aus den beiden Fächern. Da mich die meisten beim englischen Namen etwas unverständlich anschauen, sag ich es jetzt immer auf Deutsch :D.

    Uih das hätte ich total gerne studiert, da bin ich echt neidisch, der Nc ist da aber echt krass, somit wirklich klasse, dass du das geschäfft hast. Übrigens habe ich da letztens in der Zeit gelesen, dass man mit Psychologie überall eine Anstellung findet, weil die Händeringend gesucht werden, dadurch das der Nc echt hart ist. Somit hast du ja für die Zukunft richtig tolle Möglichkeiten. An den Zahlen kommst du aber in keinem Studiengang drum herum. Ich habe mich ja auch für diesen Bereich entschieden, weil ich jetzt nicht so der Mathe Fan gewesen bin, aber Statistik, Datenauswertung und sowas gehört einfach dazu und ist eehrlich geasgt nur halb so schlimm, wie man denkt.

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    1. Ja, die beiden Filme sind schon sehr speziell und waren ja wegen dieser Längen auch nicht so 100%ig meins. Und den Eindruck habe ich auch, dass bei den Oscars immer mehr Filme mit solchen außergewöhnlichen Merkmalen Aufmerksamkeit finden, als wolle man beweisen, dass dieser Preis ja ach so kulturell und künstlerisch wertvoll ist. Für die breite Masse sind viele Oscarfilme tatsächlich nichts.

      Ja, Krankenversicherungen gibt es, aber eben, wie du schon sagst, zu ziemlich krassen Konditionen und auch nicht verpflichtend für alle so wie hier. Und die Ärmeren sind da echt schlecht dran, wenn sie mal eine Behandlung brauchen.

      Naja, noch habe ich keine Rückmeldung von den Unis, aber es müsste klappen.
      Nun ja, das mit den Jobs hängt davon ab, in welchen Bereich man will. Therapeut zu werden ist zB schwerer, da es schwer ist an Zulassungen von den Kassen zu kommen. Aber in der Wirtschaft oder so hat man gute Chancen. Mal sehen, was ich machen werde.
      Den Abschluss machen ja trotzdem viele, egal wie hoch der NC ist, weil der NC ja nur so hoch ist, weil sich extrem viele Leute bewerben. Die Anzahl der Studienplätze bleibt die gleiche.

      Vielen Dank für diese ausführliche Antwort :).

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  2. Uff, ich bin eher etwas ernüchtert durch deine Rezension zu "Whiplash". Den Film möchte ich schon wirklich lange gucken, warum ist ja wohl keine Frage - ich finde Miles Teller so so so toll. Eigentlich möchte ich deswegen jeden Film von ihm sehen, aber natürlich interessieren mich nicht alle. "Whiplash" eigentlich schon, den Trailer fand ich echt ansprechend. Aber ich glaube, dass ich ihn noch nicht gesehen habe liegt daran, dass ich unterbewusst die Angst hatte, er könnte langweilig werden und sich etwas hinziehen ... Vor allem kann ich mich nicht wirklich für Jazz begeistern bzw. habe davon gar keine Ahnung, bin aber generell auch kein Fan von Musik in Filmen. Ob "Whiplash" dann etwas für mich ist, bleibt fraglich.

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    1. Hm, vielleicht solltest du es einfach mal ausprobieren? Kannst ihn ja immer noch abbrechen, wenn er dir zu langweilig ist. Dadurch, dass es extrem viele Szenen nur mit Miles Teller gibt, sieht man ihn zumindest ziemlich viel :D. Ich hab von Jazz auch keine Ahnung und konnte nie beurteilen, ob er jetzt gut spielt, aber ja, ein bisschen dafür interessieren sollte man sich vermutlich schon, sonst langweilt man sich.
      Danke für den Kommentar <3. Ich freu mich schon, wenn dein Blog wieder läuft :).

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Charlie