[Filmrezension] "Ein ganzes halbes Jahr"

Charlie | Freitag, 29. Juli 2016 |


Die perfekten Hauptdarsteller, eine Menge Charme und Humor, aber auch ein ernstes Thema - ebenso wie das Buch sehr zu empfehlen
 



Originaltitel: Me Before You
Genre: Drama, Tragikomödie
Basiert auf: dem gleichnamigen Roman von Jojo Moyes
Länge: 110 Min
Altersfreigabe: ab 12
Deutscher Kinostart: 23.06.2016
Produktionsland: USA
Darsteller: Emilia Clarke, Sam Claflin, Janet McTeer, Charles Dance, Brendan Coyle, Jenna Coleman, Matthew Lewis, ...
Regie: Thea Sharrock
Drehbuch: Jojo Moyes
Quelle
Trailer



Inhalt 
Louisa Clark ist eine lebensfrohe, junge Frau, die sich gerne bunt und schrill kleidet und ein wenig naiv aufs Leben blickt. Als das Café, in dem sie die letzten sechs Jahre gearbeitet hat, schließt, muss sie sich schnell einen neuen Job suchen und findet eine Anstellung bei den Traynors, einer reichen Familie, deren Sohn Will seit einem Unfall vor zwei Jahren querschnittsgelähmt ist und nur noch seinen Kopf und einige Finger bewegen kann.
Louisa soll Will Gesellschaft leisten, worauf dieser zunächst sehr ablehnend reagiert. Doch mit ihrer charmanten und zugleich tollpatschig Art kann sie auch den lebensmüden und verbitterten Will ein wenig erweichen.
Aber dann erfährt Louisa, was es mit ihrer befristeten Anstellung auf sechs Monate wirklich auf sich hat, und erfährt etwas über Will, das sie schockiert und zugleich noch entschlossener macht, ihm zu helfen.
Meinung 
Zunächst einmal möchte ich anmerken, dass ich die Art, auf die der Film im Trailer präsentiert wird, für alle, die das Buch nicht gelesen haben, etwas unglücklich finde. Die Geschichte wirkt so wie eine romantische Komödie, doch das ist sie nicht - jedenfalls nur in Teilen. "Ein ganzes halbes Jahr" behandelt vor allem in der zweiten Hälfte durchaus auch ein ernstes Thema und rührt einen dadurch später genauso zu Tränen wie es einen vorher zum Lachen bringt.
Eine perfektere Hauptdarstellerin als Emilia Clarke hätte man für die Rolle der Lou gar nicht finden können. Selten habe ich jemanden so ausdrucksstark spielen sehen wie sie. Ihre Mimik - die oft weit aufgerissenen Augen, das strahlende Lächeln, das blanke Entsetzen auf ihren Zügen, absolute Glückseligkeit, Schmerz - das alles präsentiert sie in einem so authentischen Mienenspiel, dass man als Leser gar nicht anders kann, als sie, wie auch Will es unfreiwillig tut, ins Herz zu schließen. Gerne hätte ich ihre Figur auch einmal wütend erlebt, um zu sehen, ob sie auch das so authentisch darstellen kann.
Das Sahnehäubchen sind allerdings ihre ausgeflippten Outfits, die allein wegen ihrer Verrücktheit gute Laune machen und bei denen ich mich gefragt habe, wo die Kostümbildner wohl solche Kleidungsstücke aufgetrieben haben. 
Doch auch Sam Claflin passt super in seine Rolle des Will Traynor. Den abfälligen, leicht spöttischen Blick; das leichte Zucken um die Mundwinkel, wenn Lou ihn doch gegen seinen Willen zum Lachen bringt; die körperlichen und seelischen Schmerzen, die ihn quälen; die viele Wut, die in ihm steckt - das alles nimmt man ihm ab, leidet mit ihm und amüsiert sich gleichzeitig köstlich über seine trockenen Humor.
Die Chemie zwischen Clarke und Claflin vor der Kamera stimmt einfach und daher spürt man auch die zwischen ihren Figuren. Genau diese Beziehung macht auch den Großteil des Filmes aus, denn im Gegensatz zum Buch kommen hier die meisten Nebenfiguren zu kurz und der Fokus liegt definitiv auf Lou und Will, was aber besonders diejenigen, die das Buch nicht gelesen haben, nicht stören dürfte und durch die hervorragende Schauspielleistung der Hauptdarsteller mehr als angenehm anzusehen ist.
Besonders in der ersten Hälfte lebt der Film von den urkomischen Szenen zwischen Lou und Will, besonders der Kombination von Louisas Naivität und Wills trockener, provozierender Art. Man kann sich vor Lachen kaum noch einkriegen und schließt beide sehr ins Herz, weshalb man von der zweiten, dramatischeren Hälfte des Films sehr mitgerissen wird.
Was ich an "Ein ganzes halbes Jahr" neben Szenen mit den Nebenfiguren jedoch vermisst hab, war die Auseinandersetzung mit besagtem ernsten Thema, das ich hier noch nicht genauer benennen kann, ohne zu viel zu verraten. Im Buch werden hier wichtige moralische Fragen thematisiert und auch verschiedene Nebenfiguren wie zB. Lous Familie oder Wills Eltern äußern sich dazu. Es entsteht ein regelrechter Konflikt im Leser, der sich fragt, welche Entscheidung er getroffen hätte. Meiner Meinung nach ist dies auch wichtig, um dem Thema gerecht zu werden, das leider hier zwar lange Zeit im Hintergrund schwelt, letztendlich aber nur in wenigen Sätzen wirklich diskutiert wird.
Auch Teile aus Treenas und Louisas Vergangenheit, die wichtig sind, um Lou als Charakter zu verstehen, wurden aus dem Film leider gestrichen.
Dadurch hat er meiner Meinung nach eine Menge Potenzial für mehr Tiefgründigkeit verschenkt

Ergänzung:
Da habe ich doch glatt vergessen, eines meiner Highlights aus dem Film zu erwähnen: Matthew Lewis als Lous leicht dümmlicher Freund Patrick. Eine Auflösung des Konflikts mit ihm am Ende habe ich zwar vermisst, doch immer, wenn er auftauchte, war er für jede Menge Lacher gut. Man fühlt sich mit Matthew Lewis in seine Zeit als Neville Longbottom in der "Harry Potter"-Reihe zurückversetzt, wo Neville vor allem in den ersten Filmen recht tollpatschig ist - jedoch deutlich klüger und empathischer als Patrick -  und Lewis spielt seine Rolle auch hier wieder absolut genial.
Fazit

In Sachen Emotionalität steht "Ein ganzes halbes Jahr" der gleichnamigen Buchvorlage in nichts nach. Während der Film einen in der ersten Hälfte fast durchgängig zum Lachen bringt, rührt er einen später zu Tränen, was nicht zuletzt an den beiden grandiosen Hauptdarstellern liegt. Nebenfiguren und vor allem das wichtige und sensible Thema, das die Geschichte in der zweiten Hälfte dramatisch werden lässt, kommen jedoch leider zu kurz, was besonders bei letzterem sehr schade ist, da ihm der Film so nicht gerecht werden kann.
Daher vergebe ich "nur" sehr gute 4 Sterne aber trotzdem eine absolute Empfehlung.

Kommentare:

  1. Ich will da ja eigentlich noch ins Kino, aber bisher hats einfach von der Zeit her mit Freunden noch nicht geklappt, aber ich hoffe wir schaffen das noch, bevor er ausläuft. Das Buch habe ich nicht gelesen, sodass ich mir ziemlich bin ,dass er mir zusagt. Ich bin einfach kein Fan solcher Geschichten in Buchform, da ich einfach am liebsten Fantasy und Krimis / Thriller lese, dafür schaue ich mir sowas um so lieber als Film an. Die Hauptdarsteller finde ich ja sowieso sehr toll. Sam Claflin mag ich seit Die Tribute von Panem sehr und Emilia Clarke zeigt ja schon in jeder Folge von Game of Thrones, dass sie eine verdammt gute Schauspielerin ist. Deine Kritik macht mich jetzt nur noch neugieriger, auch wenn ich es natürlich schade finde, dass man die etwas ernsteren Dinge nicht so tief wie im Buch angegangen ist, das finde ich generell nämlich auch sehr wichtig.

    Danke auch für dein liebes Kommentar.
    Das freut mich zu hören, dann bin ich schon sehr gespannt auf deine Antworten.

    Ich glaube Mänenr denken darüber noch mal ganz anders als wird, beziehungsweiße machen sie da gar nicht so die Gedanken, wer da nun in der Werbung zu sehen ist. Aber es ist ja gerade die Werbung die bei Mädchen dazu beiträgt, dass auch auf Instagram diese typischen Stereotypen weiterverbreitet werden. Hatte ja letztens in einer Hausarbeit über die Selbstdarstellung von Jugendlichen geschrieben und mich da durch viele Studien geschrieben, die alle zu diesem Ergebnis kamen. War aber sehr interessant zu lesen.

    In Bevölkerung gibt es ja viele, die sich da andere Frauen wünschen würden, ich glaube das liegt eher noch an den Firmen selbst, die da lieber den schönen, perfekten Schein waren. Wobei ja einige auch schon umdenken und Werbung mit echten Frauen machen.

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    1. Sind dir Liebesgeschichten als Buch zu langweilig? Könnte ich verstehen, lesen dauert ja immerhin viel länger als einen Film zu schauen und so seichtes Zeug sieht man dann lieber in nur 2h auf der Leinwand.
      Bei "Ein ganzes halbes Jahr" lohnt sich das Lesen aber, finde ich. Aber du kannst ja erstmal den Film sehen und danach entscheiden, ob dich das Thema, das ich angesprochen habe, genug interessiert, um das Buch auch zu lesen.

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  2. Hallo Charlie!

    Es beruhigt mich irgendwie, dass du den Film positiv bewertest, dann werde ich ihn mir auch bald ansehen, was ich ohnehin vor hatte, aber ich muss nicht mit der Angst in den Film gehen, dass sie das Buch ruiniert haben. Besonders dass die Chemie stimmt und man dieses wunderbare Knistern fühlen kann, ist mir bei solchen Filmen wichtig. Ich habe den Trailer vor einigen Monaten auf YouTube gesehen und den Tag danach mir gelich das Buch gegriffen, denn diesmal wollte ich tatsächlich mal zuerts das Buch lesen (Rezension kommt bald) und war absolut begeistert. Also Danke für deine Rezi...

    Love, Katha

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    1. Hi Katha,
      nein, ruiniert haben sie es sicher nicht. Sie haben es definitiv etwas seichter gemacht und an den Durchschnitts-Kinozuschauer angepasst, aber es ist immer noch ein wunderschöner Film.
      Ich bin gespannt auf deine Rezension :).

      LG,
      Charlie

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  3. Oh, es freut mich, dass wir uns hier mal wieder einig sind - mir hat der Film ja auch so gut gefallen wie dir und die gleiche Wertung ist es auch geworden ;) Mir haben Emilia Clarke und Sam Claflin als Besetzung auch ziemlich gut gefallen. Bei ersterer wurde ja von vielen das übertriebene Minenspiel bemängelt, aber das ist nun einmal einfach Lou, der Charakter - ein offenes Buch und so fröhlich, dass es fast nervig ist :D Die Chemie zwischen den beiden hat mir auch total gefallen und hat wohl auch dafür gesorgt, dass man so berührt wurde.

    Und auch deinen Kritikpunkt kann ich nachvollziehen - ich fand zum Beispiel auch, dass der Konflikt mit Lous Freund hier viel zu einfach gelöst bzw. eigentlich gar nicht gelöst wurde, was ihren Charakter ein bisschen untergraben hat, genauso wie man eben durch die wenige Auseinandersetzung Wills Entscheidung nur schwierig nachvollziehen konnte.

    Ansonsten aber ein toller Film, ich schließe mich dir vollkommen an!

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    1. Genau das fand ich an ihr ja so toll! Wie du schon sagst, es passt einfach zu Lou. Und von dem, was ich bisher in GoT von ihr gesehen habe, kann sie ja sehr wohl auch viel unbewegt gucken ^^.

      Oh stimmt, das habe ich gar nicht erwähnt, das fand ich auch komisch. Die trennen sich im Buch doch, oder? Und im Film war er einfach so weg, als es grad genehm war.

      Schön, dass wir wieder einmal einer Meinung sind :).

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  4. Für mich hat "Ein ganzes halbes Jahr" immer einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen - eigentlich ein gutes Buch, dessen Ende mir aufgrund seiner Vorhersehbarkeit überhaupt nicht gefallen hat und mich überhaupt nicht berühren konnte. Ganz anders der Film, der mich im Kinosaal einen regelrechten Heulkrampf hat kriegen lassen! Wunderschön ♥
    Wie du sagst war gerade der Humor in dem Film echt grandios, erwähnenswert finde ich auch nochmal Patrick (Neville Longbottom lässt grüßen), der irgendwie so dämlich war, dass ich es schon wieder lustig fand. Besonders die Szene mit der Hummelstrumfhose :D Und obwohl ich kein besonders großer Fan von Emilia Clarke als Daenarys in "Game of Thrones" bin, konnte mich die Schauspielerin hier in diesem Film total überzeugen. Die Mimik hat sie echt drauf ... und stimmt, jetzt wo du es sagst, hätte ich sie auch gerne in einer Szene mal so richtig wütend erlebt, auch wenn das nicht so richtig zu Lou gepasst hätte.

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    1. Ja, das mit der Vorhersehbarkeit hatten viele bemängelt, aber bislang konnte mir auch noch niemand zufriedenstellend beantworten, was denn hätte sein müssen, damit es NICHT vorhersehbar gewesen wäre. Es gibt ja quasi nur zwei Möglichkeiten und die andere wäre meiner Meinung nach absolut unpassend und unrealistisch und kitschig und genauso vorhersehbar gewesen.
      Oh Mann, du hast recht, wie konnte ich Matthew Lewis vergessen :o? Über den habe ich mich so köstlich amüsiert. Muss ich nochmal ergänzen.
      Die Szene mit der Strumpfhose war echt klasse ^^.
      Hier ist sie ja auch ganz anders als in GoT. Bin mal gespannt auf die da.

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Charlie