[Buchrezension] "Unheimliche Geschichten" von Edgar Allan Poe

Charlie | Dienstag, 1. November 2016 |

Teilweise toll geschrieben, aber leider meist nicht unheimlich und dafür unlogisch




Originaltitel: / (diverse)
Autor: Edgar Allan Poe
Verlag: Anaconda
Genre: Erzählungen, Klassiker
Reihe: /
Erscheinungsdatum:  2011
Seitenzahl: 447 (Gebunden)
Eine Verlagsseite mit offiziellem Cover existiert leider nicht mehr.




Inhalt


Eine Sammlung mehrerer kürzerer und einer recht langen (unvollendeten) Erzählung Edgar Allan Poes.


Meinung

Von Poe hatte ich bisher als dem Meister der schaurigen Kurzgeschichten gehört und freute mich daher auf eine kurzweilige und unheimliche Halloween-Lektüre. Leider war diese Sammlung für mich eine absolute Enttäuschung.

Man kann Poe ein gewisses Talent natürlich nicht absprechen. Zwar muss man sich zunächst an einige Eigenarten seines Schreibstils gewöhnen (z.B. die Ich-Perspektive und die Tatsache, dass er die Texte stets so gestaltet, als habe sein Erzähler sie tatsächlich erlebt, weshalb er z.B. Jahreszahlen und Namen oft nur abgekürzt nennt und immer wieder den Wahrheitsgehalt des Wiedergegebenen betont), doch er beherrscht definitiv auch die Kunst des Spannungsaufbaus durch seinen düsteren, atmosphärischen und wahrlich unheimlichen Schreibstil. Er schreibt recht bildgewaltig und arbeitet mit vielen Beschreibungen, die den Leser gut zu fesseln und in die Atmosphäre hineinzuversetzen vermögen.

Nur gehört zu dem Aufbauen von Spannung eben auch, sie gekonnt wieder aufzulösen, was Poe meiner Meinung nach jedoch kaum gelingt.
Einige Geschichten ("Unterhaltung mit einer Mumie", "Morella", "Das Geheimnis um Marie Rogêt"") weisen schlicht keinen Spannungsbogen auf; andere ("Die Tatsachen im Fall Valdemar", "Lebendig begraben", "Eine Flaschenpost") enden viel zu abrupt und ohne das Geschehen genauer zu erklären. In wieder anderen ("Das verräterische Herz", "Der schwarze Kater") kommt es zwar zu einem gut gestalteten Höhepunkt des Konfliktes, jedoch wird das Verhalten der Figuren überhaupt nicht oder nur durch diffuse Ahnungen und instinktive Gefühle erklärt, was mir persönlich nicht gereicht hat, um die Handlung überzeugend zu finden.
Am schlimmsten sind aber diejenigen Texte, die enden, bevor überhaupt irgendwas aufgeklärt werden kann ("Das Geheimnis um Marie Rogêt", "Die Erzählung des Arthur Gordon Pym").
In der Erzählung um Marie Rogêt, die einen damals aktuellen Mordfall auffällig gleicht (wobei diese Ähnlichkeit zwar erwähnt, aber weder vom Autor noch im Nachwort erklärt wird), referiert ein Bekannter des Erzählers beispielsweise seitenlang über seine Theorie zu dem Fall, woraufhin der Text mit der Anmerkung endet, den Rest der Geschichte könne sich der Leser ja sicherlich denken, ohne dass aufgeklärt würde, ob all die schönen Theorien stimmen.

Den größten Teil des Buches nimmt "Die Erzählung des Arthur Gordon Pym" ein, die über 200 Seiten umfasst. Auch diese ist wieder aufgemacht, als handele es sich um ein reales Erlebnis, das von Poe und später Pym niedergeschrieben wurde.
Pym gerät darin in Seenot und erlebt das ein oder andere Abenteuer, doch leider vermag die Erzählung kein bisschen Spannung aufzubauen, da Poe von Zeitraffung offenbar noch nie etwas gehört hat. Seitenlang muss der Leser die Beschreibungen von Hunger, Durst und immer wiederkehrenden Stürmen über sich ergehen lassen, was anfangs noch interessant, irgendwann aber eher nervig ist, weil sich stets die gleichen Situationen wiederholen und ja ohnehin klar ist, dass Pym überlebt hat.
Zudem schweift der Erzähler andauernd vom Thema ab und referiert Absätze lang über das Nistverhalten von Pinguinen und Albatrossen oder von der richtigen Ladung im Stauraum eines Schiffs.
Besonders ironisch ist die Aussage des Erzählers, er wende sich mit dieser Geschichte an Leser, die noch nie zur See gefahren sind. Vielleicht war das damals Allgemeinbildung, aber ich zumindest habe von den vielen Fachbegriffen rund um Segelschiffe kaum einen verstanden und Beschreibungen von Zerstörungen durch Stürme wirken leider nicht halb so beeindruckend, wenn man keine Ahnung hat, was genau jetzt eigentlich zerstört wurde.
Die Länge der Erzählung trägt auch keinesfalls dazu bei, dass irgendeine Figur ausführlicher charakterisiert und so irgendwelche Emotionen im Leser hervorzurufen würde.
Auch diese Erzählung endet leider mitten in der Geschichte und nur die Tatsache, dass Pym sie selbst erzählt, sagt dem Leser, dass er seine Abenteuer überlebt hat.
Für mich zumindest wurde diese lange Erzählung, in der trotzdem viel zu wenig passiert, mit der Zeit zur Qual.



Fazit

Edgar Allan Poe schreibt teilweise wirklich fantastisch düster und beweist das Talent, unheimliche Atmosphären für seine Geschichten zu kreieren. Leider werden viele seiner Erzählungen, so sie denn überhaupt einen Spannungsbogen aufweisen, nicht konsequent zu Ende geführt und das Verhalten der Figuren bleibt oft unverständlich.
Die letzte Erzählung, die beinahe die Hälfte dieses Buches einnimmt, ist extrem langatmig und dann auch noch unvollendet, weshalb das Ende des Buches eher Qual als Lesevergnügen ist.
Ich vergebe 2 Sterne.

Kommentare:

  1. Von Poe möchte ich irgendwann auch noch mehr lesen, bisher kenne ich nur das Gedicht "The Raven" (was ich liebe) und die Geschichte "Das verräterische Herz", die zwar interessant war, aber da hat mich auch schon etwas gestört, dass es keine weiteren Erklärungen gab, sondern sie einfach plötzlich endete. Schade, dass das wohl auch sonst der Fall ist, so weiß ich nicht, ob ich den Rest dann noch so dringend lesen möchte.
    Danke für die Rezension!

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    1. Hm, vielleicht sollte ich seine Gedichte mal lesen, eventuell sind die ja besser :D.
      Mich hat diese Stichprobe seiner Erzählungen jetzt leider nicht überzeugt, aber ich will nicht ausschließen, dass es da nicht auch bessere gibt.

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  2. Ich war ja sehr gespannt auf deine Kritik zu Poe, denn als Horrorfan habe ich natürlich auch schon mit dem Gedanken gespielt mich mal einem seiner Werke zuzuwenden, aber jetzt bin ich ganz froh, dass ich es nicht getan habe. Gerade Geschichten ohne Ende, mag ich nicht, vor allem wenn dann nicht mal gesagt wird, welche Theorie nun zutreffend ist. Auch Seitenlange erzählungen über Dinge, die sich immer wieder wiederholen, sind nicht Meines. Ich brauche einfach einen Spannungsbogen, der schön aufgebaut wird, auf einen Höhepunkt zuläuft und in einer logischen Auflösung endet, die mich überrascht.

    Danke auch für dein liebes Kommentar.
    Da bin ich wirklich gespannt, ein Freund von mir hatte als der Film rauskam aber auch sehr von ihm geschwärmt, der fand hn genauso gut wie du.

    Also generell muss ich ja gestehen, dass ich jetzt kein Woody Allen Fan bin, mal schauen, ob er mich mitreißt. Ich schaue den halt echt eher wegen den Darstellern.

    Haha ja da geht es mir genauso. Einige Filme werden wohl etwas länger auf der Watchliste stehen, bis ich sie dann wirklich anschaue. Aber gerade in den Weihnachtsferien werde ich dann sicherlich ein bisschen was wegschauen können, da ich gerade die Feiertage abends immer gerne im Kreise der Familie mit einem guten Film ausklingen lasse.

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    1. Als Horror würde ich Poe von dem, was ich bisher gelesen habe, wirklich nicht bezeichnen, aber vielleicht waren seine Texte damals auch schon außergewöhnlich gruselig, da habe ich leider keinen Vergleich.

      Ja genau, so einen Spannungsbogen hätte ich mir auch gewünscht, aber leider wird er entweder gar nicht erst aufgebaut oder aber nicht konsequent zu Ende geführt.

      Ich schaue Filme ohnehin meist eher wegen der Darsteller_innen oder des Inhalts, selten wegen der Regie. Ich habe bisher auch noch nicht genau genug darauf geachtet, um bestimmte Regie-Stile identifizieren und entscheiden zu können, ob ich ihn mag.

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  3. Ich habe früher Poe gelesen und erinnere mich noch an den 'Mord in der rue Morgue' (oder so ähnlich. So wie du das in deiner Rezension schreibst, würde mir Poe auch nicht mehr gefallen. Das erinnert mich an ein ganz modernes Buch (von 2016), das ich gerade gelesen habe. Am Ende ist es mehr Schauergeschichte als sonst was und es wird auch nichts richtig aufgeklärt. Manchen gefällt das, aber mir nicht.
    LG, Ingrid
    P.S. Wundere dich bitte nicht ... ich habe mein Buchblog wegen mangelnder Besucherzahlen gelöscht und blogge weiter im Hauptblog, auch über Bücher, aber nicht nur.

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    1. Eine Geschichte aus dieser Sammlung ist offenbar die Fortsetzung des "Doppelmord in der Rue Morgue", zumindest wird der Fall angesprochen. Ist die Geschichte denn auch so langatmig wie ihre Fortsetzung?

      Ich finde, es gibt einen Unterschied zwischen ein paar Dinge der Fantasie überlassen und wichtige Handlungspunkte offenlassen. Ersteres gefällt mir ab und zu sehr gut, letzteres finde ich aber eher frustrierend.

      Ist notiert :). Ich bleibe natürlich weiter Leserin, egal wo du bloggst.

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  4. Wie schade, dass dir die Sammlung nicht wirklich gefallen hat! Ich habe bisher selbst leider nur eine Geschichte und ein Gedicht von Poe gelesen, die ich aber beide grandios fand: "Der Rabe" und "Die Maske des roten Todes". Letztere hatte ich schon vor meinem Lieblingsbuch "Nevermore" gelesen, die dort eine große Rolle spielt - weswegen ich beides umso mehr zu lieben gelernt habe. Alle drei Titel kann ich dir nur empfehlen, vielleicht revidiert das noch einmal ein bisschen deine Meinung.

    Ich kann deine Ansicht natürlich dennoch nachvollziehen - insbesondere bei "Gordon Pym" (ich muss dabei permanent an Ant-Man denken :D), denn ewig lange Ausführungen über Schiffe und Tiere muss man in einer Gruselgeschichte wirklich nicht haben.

    Ich hoffe, du gruselst dich bei deiner nächsten Lektüre mehr ;)

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    1. Die Texte kenne ich beide nicht, aber deine Rezension zu "Nevermore" habe ich damals gelesen und seitdem steht das Buch auf meiner Wunschliste, weil du ja so begeistert warst :).

      Vielleicht führe ich mir ja auch mal ein paar Gedichte von Poe zu Gemüte, das ist ja immerhin eine ganz andere literarische Gattung, vielleicht überzeugt er mich da ja mehr.

      Das hoffe ich auch, immerhin lese ich gerade "Dracula" ;). Bisher ist es schon mal deutlich gruseliger als Poe.

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