[Filmrezension] "Doctor Strange"

Charlie | Dienstag, 8. November 2016 |

"Vergessen Sie alles, was Sie zu wissen glauben!"




Originaltitel: Doctor Strange
Genre: Superheldenfilm
Basiert auf: den Comics über die gleichnamige Figur aus dem Marvel-Universum
Länge: 115 Min
Altersfreigabe: ab 12
Deutscher Kinostart: 27.10.16
Produktionsland: USA
Darsteller: Benedict Cumberbatch, Tilda Swinton, Chiwetel Ejiofor, Rachel McAdams, Mads Mikkelsen, u.a.
Regie: Scott Derrickson
Drehbuch: John Spaihts, Scott Derrickson, C. Roberr Cargill
Quelle
Trailer



Inhalt

Der ebenso geniale wie arrogante Neurochirug Doctor Stephen Strange erleidet bei einem Unfall schwere Schäden des Nervensystems und kann seine Hände nur noch schwer bewegen. Doch er will das Ende seiner glänzenden Karriere nicht akzeptieren und stößt auf einen Ort namens Kamar-Taj, eine Art Tempel, an dem Menschen angeblich lernen, Energie aus anderen Dimensionen zu beziehen und zu kontrollieren - eine Art Magie.  Strange ist zunächst nicht überzeugt von den Erklärungen der Ältesten, doch diese öffnet ihm schnell die Augen und beweist ihm, dass es mehr gibt, als die eine Welt, die er bisher gesehen hat.
Doch während Doctor Strange noch ehrgeizig darauf hinarbeitet, die Schäden in seine Händen wieder zu heilen, erfährt er von einer Bedrohung, die die ganze Welt vernichten könnte: Kaecilius, ein ehemaliger Schüler der Ältesten, hat düstere Pläne. Um ihn zu bekämpfen, brauchen die Zauberer Stranges Hilfe.




Meinung

Wenn ich Marvel-Filme nicht ohnehin schon gerne zur Unterhaltung sehen und Benedict Cumberbatch nicht ohnehin schon für einen genialen Schauspieler halten würde, hätten mich spätestens die vielen begeisterten Rezensionen zu diesem Film überzeugt, die selbst von Menschen kamen, die sonst Superheldenfilmen eher keine herausragende Bewertung geben.
Und, was soll ich sagen? Einerseits setzt "Doctor Strange" solide aber wenig überraschend die Reihe der Filme rund um die Avengers fort, anderereits sticht er jedoch auch heraus und bringt frischen Wind ins "Marvel Cinematic Universe".

Das liegt zum einen an Benedict-Cumberbatch, der mich bereits in vielen faszinierenden Rollen begeistern konnte und auch hier wieder sein gewohntes, sehr hohes Niveau erreicht. Zugegeben, der hochintelligente aber auch sehr arrogante Doctor Stephen Strange ("Sternzeichen Arschloch", wie es jemand hinter mir ausdrückte) ist ihm auch wie auf den Leib geschneidert, da er beispielsweise mit "Sherlock" schon bewiesen hat, dass er in solchen Rollen glänzen kann. Doch die Figur des Stephen Strange bietet noch andere Facetten, als es die Rollen des Sherlock (aus der gleichnamigen Serie) tut.
Strange ist faszinierend durch seine unglaubliche Arroganz, die selbst dann noch zum Tragen kommt, wenn er eigentlich psychisch am Boden ist und demütig sein und Hilfe annehmen sollte. Genau das ist das Interessante an ihm: Er lässt sich (vermutlich aufgrund der begrenzten Länge des Films vereinfacht dargestellt) zwar recht leicht von der Existenz der Magie überzeugen, ist aber bis zum Schluss kaum bereit einzugestehen, dass es Dinge gibt, die er noch nicht wissen kann, und dass er auch auf die Ratschläge anderer hören sollte. Dafür ist er einfach zu sehr von sich selbst überzeugt und das macht ihn fehlbar, aber auch durch seine frechen Sprüche auch sympathisch.
Benedict Cumberbatch spielt sowohl Stranges selbstverliebten als auch seine verzweifeltsten Momente überaus überzeugend und ist für mich defintiv der faszinerendste Avengers-Hauptdarsteller bisher, auch wenn seine Figur in diesem Film nicht die Tiefe bekommt, die sie in den Comics vielleicht hat oder haben könnte.
Wer sich sehr an bestimmte Synchronstimmen gewöhnt, sollte diesen Film jedoch vielleicht lieber im Original sehen, denn Benedict Cumberbatch wird hier irritierenderweise nicht wie üblich von Tommy Morgenstern gesprochen. Der Grund dafür ist vermutlich, dass dieser schon Chris Hemsworth aka Thor seine Stimme leiht und Strange als zukünftiger Avenger früher oder später mit Thor zusammentreffen wird.

Der restliche Cast besteht ebenfalls aus äußerst talentierten Schauspieler_innen, die dies hier jedoch leider nicht immer unter Beweis stellen können. Tilda Swinton wirkt beispielsweise als die Älteste durchaus geheimnisvoll und auch ihre Figur ist nicht uninteressant (auch wenn bei ihr ebenfalls nicht das ganze Potential ausgeschöpft wird, das ihr Charakter zu bieten hatte), doch ihre Mimik ist den ganzen Film über so unbewegt, dass man hier keinerlei Emotionen erkennen kann - was vermutlich Absicht ist, sie aber auch davon abhält, ihr schauspielerisches Talent wirklich zu zeigen. 
Mads Mikkelsen ist sicher eine gute Wahl für die Rolle des Bösewichtes und auch hier spielt er den wahnsinnigen Zauberer Kaecilius, der sich gegen die Älteste gewandt und eigene Pläne für die Welt hat, überzeugend. Leider sieht er dabei durch seltsame, venezianischen Karnevalsmasken nicht unähnlichen Verfärbungen rund um seine Augen recht lächerlich aus und auch die Plattheit seiner Figur steht ihm nicht wirklich, auch wenn das sicher nicht seinem Talent anzulasten ist. Kaecilius' Motive konnten mich wenig überzeugen; die meiste Zeit wirkten sie wahnhaft, naiv und kaum durchdacht, als hätte man lediglich jemanden schaffen wollen, dessen Ziele genau das Gegenteil derer der Ältesten sind, um Strange einen Antagonisten entgegensetzen zu können.
Positiv überrascht war ich von Chiwetel Ejiofor, an den ich mich seit "Tatsächlich...Liebe" in keinem Film mehr erinnere und der hier mit Mordo eine äußerst fazinierende Figur verkörpert. Nach Benedict Cumberbatch hat er mich vielleicht von allen Darstellern am meisten überzeugt, wozu sicher auch seine Rolle beiträgt, die ich (nicht zuletzt aufgrund des Endes, vor allem der zweiten Szene nach dem Abspann) von allen am interessantesten fand. Hier ist es interessant anzumerken, dass bei der Produktion des Films extra darauf geachtet wurde, Mordo einen ausgeklügelteren Charakter zu verleihen, als er in den Comics hat, sodass seine Figur deutlich ambivalenter und dadurch faszinierender wird.
Etwas enttäuscht war ich von Rachel McAdams' Rolle, denn ich schätze sie als Schauspielerin sehr, doch in diesem Film hat sie außer Sentimentalität und erschrockenem Kreischen nicht viel zu bieten, auch wenn ihre Figur genau wie Strange eine sehr gute Ärztin ist. Allerdings war es für die Handlung des Films recht angenehm, dass sie hier nicht als "love interest" der Hauptfigur als Druckmittel gegen ihn benutzt wurde.

Während die Figuren zwar zum Teil interessant, zum Teil aber auch nicht ausführlich genug ausgearbeitet sind, haut "Doctor Strange" das Publikum zumindest optisch um (oder wenigstens Animations-Laien wie mich). Es lohnt sich tatsächlich, den Film auf der großen Leinwand zu sehen, denn sobald hier mit Dimensionen und anderen Universen gespielt wird, werden die Bilder und Effekte äußerst beeindruckend - ein wenig erinnerten sie mich an "Inception", nur noch abstrakter, dynamischer und fazsinierender.
Insbesondere am Anfang, als die Älteste Strange zum ersten Mal in ihre Geheimnisse einweist, waren die vielen bunten, schnell aufeinanderfolgenden Bilder jedoch auch etwas zu viel für mein Auge und wirkten eher wie ein psychedelischer Drogentrip (ein Eindruck, den auch Strange selbst hat).
 Generell lässt sich sagen, dass "Doctor Strange" durch die Thematik deutlich ästhetischer und künstlerischer gestaltet ist als andere Marvel-Filme. Hier wird nicht mit Roboteranzügen rumgeballert oder plump auf einander eingeschlagen, hier wird mit Magie und der Verzerrung von Raum und Zeit gearbeitet. Das, zusammen mit der philosophischen Grundidee, gibt dem Film ein etwas anderes Niveau als anderen Avengers-Filmen.

Doch ganz gelingt auch "Doctor Strange" der Sprung zu einem anspruchsvollen Film nicht wirklich, denn während die Grundidee und einige Figuren durchaus vielschichtig sind, mangelt es der Handlung und anderen Figuren doch sehr an Komplexität. Die Geschichte ist, trotz aller optisch interessanten Elemente, im Grunde doch nur der alte Kampf von Gut und Böse und vom zunächst ahnungslosen Protagonisten, der sich schließlich als äußerst talentiert und mutig erweist und zum Helden wird. Aber gut, was hätte man von einem Superheldenfilm auch anderes erwartet? Zumindest macht dieser Umstand "Doctor Strange" nicht schlechter als andere Marvel-Filme.
Gleichermaßen amüsiert wie auch genervt haben mich die komödienhaften Elemente, vor allem in den Dialogen, die immer wieder verhindern, dass im Film eine wirklich ernsthafte Stimmung aufgebaut wird. Wenn Doctor Stranges Schwebeumhang auf einmal versucht, ihm die Wangen zu putzen, oder er in dem geheimnisvollen Kamar-Taj das WLAN-Passwort in die Hand gedrückt bekommt, währen er wartet, muss man zwar unweigerlich schmunzeln, kommt aber nicht umhin zu bemerken, dass dies auch etwas albern ist für einen Film, in dem immerhin der Untergang der Welt verhindert werden soll. Gleichzeitig sind einige der Szenen aber auch wirklich zum Brüllen komisch und beweisen einen intelligenten Humor, der gutes Popcorn-Kino ausmacht,

Übrigens lohnt es sich durchaus auch bei "Doctor Strange", wie bei den meisten Marvel-Filmen, bis ganz zum Ende im Kinosaal sitzen zu bleiben, denn es erwarten einen sogar zwei von einander unabhängige "Post Credit Szenen", die sowohl Hinweise auf Stranges Verbindung zu den Avengers (Und das klingt so absolut genial!) als auch auf die Handlung des nächsten Strange-Films liefern.
Witzig fand ich auch, dass im Abspann des Films eine Warnung zu lesen ist, dass abgelenkt sein beim Fahren für einen selbst und die Mitmenschen gefährlich sein könne und man bitte vorsichtig fahren solle. Eine kleine Anspielung auf Stranges Unfall zu Beginn des Films, aber auch eine sehr wichtige Warnung an sich. 


"Fun Fact" und kleiner Spoiler: Benedict Cumberbatch hat ebenfalls für das Motion Capture des Monsters Dormammu Modell gestanden; angeblich, weil er die Figur so gut versteht.


Fazit

Die spannende und philosophische Grundidee sowie die grandiosen Effekte heben "Doctor Strange" von anderen Avengers-Filmen ab und verleihen ihm eine gewisse Ästhetik und ein Niveau, das nicht alle seine Genrekollegen erreichen können. Einige der Figuren haben durchaus Potential, doch weder das der Figuren noch das der Idee werden im Verlauf der Handlung wirklich ausgeschöpft. Zwar unterhält der Film vor allem durch seinen Humor auch wunderbar, doch es reicht nicht, um ihn zu einem wirklich herausragenden Kinoerlebnis zu machen. Für mich ist "Doctor Strange" dennoch der beste Film in der Reihe um die Avengers und ich vergebe 4 Sterne.

Kommentare:

  1. Hehe, welch ein Zufall, die Rezension habe ich auch heute online gestellt und ich habe auch noch die gleiche Punktzahl vergeben. Das finde ich ja wieder sehr lustig :D

    Benedict Cumberbatch fand ich - natürlich - auch total klasse und an Tilda Swinton hatte ich auch nichts auszusetzen - außer, dass sie halt keine Asiatin ist, was mir immer noch missfällt, obwohl ich die Frau genial finde. Und auch Mads Mikkelsen fand ich toll, nur wie du auch sagst: Seine Figur ist mal wieder ziemlich platt. Das ist bei den meisten Marvel-Bösewichten so, was ich echt schade finde. Da hat DC mehr zu bieten, dafür können die halt keine Filme :D

    Die visuelle Umsetzung fand ich auch genial und ich war froh, als mit der ersten Mid Credits-Szene endlich die Verbindung zu den "Infinity Wars" aufgebaut wurde, nachdem sonst sehr wenig Bezug zu den vorhergegangenen Filmen kam. Die Post Credits-Szene hat mir aber nicht so gefallen - die Wandlung von Mordo ging mir deutlich zu schnell.

    Nun ja. Ich freue mich, dass wir einer Meinung sind. Bin gespannt, ob wir uns auch bei den "Guardians" wieder einig sind (den du doch guckst?). Spiderman und Thor 3 werde ich beide auslassen ;)

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    1. Wie toll, dass wir uns da mal wieder einig sind :). Hab deine Rezension ja auch schon gelesen und kommentiert.

      Ob DC Filme können, kann ich leider nicht beurteilen, aber ich finde es echt schade, dass die Marvel-Bösewichte oft so langweilig sind. Ausgenommen vielleicht Magneto, zu dessen Einstellung es ja eine Geschichte gibt, aber die X-Men gehören ja (noch) nicht zu den Avengers.

      Ja, bei der Wandlung hat einiges an Erklärung gefehlt und seine Motivation entbehrt jeglicher Logik (Ich verstehe, wie er darauf kommt, aber nicht, wieso er denkt, dass ausgerechnet er derjenige ist, der darüber entscheiden darf, wer seine Kräfte behält und wer nicht.), aber in Anbetracht der Tatsache, dass er in den Comics offenbar böse ist, weil er eifersüchtig auf Strange ist, klingt das hier doch irgendwie nach einem spannenderen Motiv. Wir könenn jedenfalls auf Teil 2 gespannt sein.

      Auf jeden Fall gucke ich den zweiten Guardians. Und Thor sicher auch, allerdings nur wegen Loki und nicht wegen Thor ^^. Letzteren aber vielleicht nicht im Kino. Ich gucke ohnehin die wenigsten Marvel-Filme im Kino, sonst würde ich ja arm werden :D.

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  2. Ich möchte den Film auch unbedingt noch sehen, habe jetzt wirklich viel positives gehört, vor allem zur Optik und zu Cumberbatchs Leistung, etwas was du ja auch sehr lobst und das macht mich echt neugierig.

    Gut von der Storyline habe ich auch genau das erwartet. Das ist einfach typisch Superheld und so wie man es von Marvel gewöhnt ist. Bei der Masse an Superhelden Filme die da noch auf uns zu kommen, denke ich das der Markt da irgendwann leider auch übersättigt sein wird, denn das Prinzip bleibt ja gleich. Ich habe da immer das Gefühl, dass man es dann etwas übertreibt mit den Produktionen. Aber auf Doctor Strange habe ich mich trotzdem gefreut, einfach weil ich Cumberbatch Magie und die Thematik rund um die Magie sehr interessant finde.

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    1. Ich kann ihn auf jeden Fall empfehlen! Wie du schon sagst, erwartet man ja bei Superheldenfilmen keine wahnsinnig überraschende Story, aber Cumberbatch und die Magie machen den Film trotzdem zu etwas Besonderem unter den Marvel-Filmen.

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