[Buchrezension] "Dracula" von Bram Stoker

Charlie | Freitag, 23. Dezember 2016 |


Düster, unheimlich und faszinierend - Der wohl berühmteste Vampirroman





Autor: Bram Stoker
Genre: Klassiker, Schauerroman
Reihe: /
Erscheinungsdatum: 1897



Inhalt

Der Rechtsanwalt Jonathan Harker reist im Auftrag seines Chefs nach Rumänien zu dem Grafen Dracula, der in London ein Haus zu kaufen wünscht. Zwar ist der Graf äußerst höflich, doch nach und nach wird er Jonathan auch unheimlich, bis dieser erkennt, dass er in eine Falle getappt ist. Eine tödliche Falle.

Einige Zeit später besucht Jonathans Verlobte Mina ihre gute Freundin Lucy, der es nicht gut zu gehen scheint. Sie schlafwandelt, hat Albträume und wird zunehmend blasser und schwächer. Verzweifelt versucht der mit Lucy befreundete Arzt John Seward, die Ursache für dieses medizinische Phänomen zu finden und ruft sogar seinen Freund, den überaus talentierten Doktor Van Helsing zur Hilfe.



Meinung

Für die düsteren Herbsttage hatte ich mir endlich einen Klassiker vorgenommen, den ich schon lange einmal lesen wollte: "Dracula", der zwar nicht der erste, wohl aber der bekannteste Vampirroman ist.
Und ich wurde wahrlich nicht enttäuscht, wenn auch das ein oder andere mal überrascht.

Das Buch ist aufgemacht als eine Sammlung von Tagebucheinträgen, Briefen und einigen wenigen Zeitungsartikeln. Dadurch bekommen wir neben den drei Figuren, die die Geschichte hauptsächlich erzählen (Jonathan, Dr. Seward und Mina), auch ab und zu noch andere Hinweise, die den Hauptfiguren zunächst noch unbekannt sind.
Doch alleine durch die drei großen "Hauptperspektiven" gelingt es Bram Stoker fabelhaft, Spannung aufzubauen und seiner Leserschaft Stück für Stück das Unheil zu verdeutlichen, das seine Figuren erwarten wird.
So reist man zunächst mit Jonathan nach Transsilvanien, wo man den Grafen das erste Mal trifft, doch bald schon verlagert sich die Handlung nach England, wo sich mysteriöse Dinge abspielen, die Jonathan vielleicht erklären könnte, wüsste er davon. Doch da diese Handlung zunächst unabhängig von der anderen verläuft, ahnen die anderen Figuren tragischerweise noch nicht das, was die Leserschaft bereits vermutet.
Als Leser*in ist man oft den Figuren ein Stück voraus und ahnt schon, was auf sie zukommt, doch am Ende, als dann alle Figuren in etwa auf dem gleichen Wissensstand, wird man auch noch einmal richtig auf die Folter gespannt und kann mir den Charakteren mitfiebern.
Dennoch ist das Buch leider auch ab und zu von sehr langatmigen Stellen durchzogen, in denen beispielsweise Van Helsing Monologe hält oder die Figuren sich auf etwas vorbereiten. Umso überraschender kommt da das doch recht abrupte Ende, das mir etwas zu knapp gehalten war.

Unterstützt wird dieser gelungene Spannungsaufbau durch den stimmungsvollen und unheimlichen Schreibstil Bram Stokers. Der Autor versteht es, düstere Orte und gruselige Personen wie den Grafen so anschaulich zu beschreiben, dass man sich wunderbar in die Figuren und ihre Ängste hineinversetzen kann.
Auch als erfahrene Englisch-Leserin hat mich der Roman jedoch manchmal sprachlich "erschlagen", denn in Kombination mit der altmodischen Sprache und einigen ungewohnten Dialekten und Akzenten der Figuren konnten die ausführlichen Beschreibungen und Monologe mich ab und zu etwas überfordern.
Übertreiben tut Stoker es meinem Gefühl nach dafür aber mit emotionalen Situationen, denn das Buch strotzt auch nur so vor Zuneigungsbekundungen Gefühl jeder Figur gegenüber jeder anderen und ständig bricht jemand für Rührung oder Angst in Tränen aus. Selbst die "stärken Männer" sind bei Stoker extrem emotional, was für diese Zeit wohl eher ungewöhnlich gewesen sein durfte.

Die Figuren des Romans sind eine weitere große Stärke, denn sie sind alle sehr verschieden und interessant, wobei leider nicht alle Nebenfiguren so ausführlich vorgestellt werden wie andere.
Besonders positiv überrascht war ich von der Figur der Mina, einer selbstbewussten, mutigen und intelligenten Frau, die für viele Teile der Handlung sehr wichtig ist und von den männlichen Figuren dafür auch sehr wertgeschätzt wird.
Auch der kauzige Van Helsing mit seinen klugen Theorien, in die er nur selten jemanden einweiht, seinem breiten Fachwissen und seinem Hang zu komplizierten Monologen sticht natürlich heraus, und man kann gar nicht anders als seine schräge Art liebzugewinnen.
John Seward und Jonathan Harker, die zusammen mit Mina die größten Teile der Geschichte erzählen, sind da schon etwas unauffälliger, aber ebenso sympathische, mutige und intelligente Figuren, die man, nicht zuletzt aufgrund ihrer weichen Herzen, liebgewinnt.

Fasziniert war ich von den vielen Mythen um Vampire, die Bram Stoker hier zusammenträgt, wobei ich mir oft nicht sicher war, wobei es sich tatsächlich um alte - Van Helsings Behauptungen nach bis in die Antike zurückverfolgbare - Legenden handelte und wann Stoker seine eigene Fantasie mit einfließen ließ.
Einige Merkmale eines Vampirs kannte ich natürlich aus vielen anderen, modernen Geschichten, beispielsweise die Nachtaktivität, die Abscheu vor Kruzifixen und Knoblauch, die Verwandlung in Fledermäuse, das fehlende Spiegelbild und die Tatsache, dass sie mit einem Pflock durchs Herz getötet werden müssen.
Stokers Graf Dracula besitzt aber noch eine Menge zusätzliche Eigenschaften, die mir neu waren. So kann er zum Beispiel Wölfe, Ratten und Nebel kontrollieren, kein fließendes Wasser überqueren und Häuser nur dann betreten, wenn er dazu eingeladen wird.
Die Figur des Dracula überrascht immer wieder und es ist spannend mit anzusehen, wie er sich mit den anderen Figuren einen Wettstreit in Sachen Planung und Intelligenz liefert und man bis zum Schluss nicht sicher sein kann, wer hier wem einen Schritt voraus ist.

Schmunzeln kann man als moderne Leser hier auch bei einigen historisch bedingten Inkorrektheiten.
So bekommt eine Figur im Laufe des Buches beispielsweise als eine Art letzte Notfallmedizin von vier verschiedenen Leuten Bluttransfusionen, um danach sofort wieder kräftiger und gesünder zu werden. In Wahrheit wäre die Chance vermutlich hoch gewesen, dass sie stirbt, weil ihr mindestens einmal die falsche Blutgruppe verabreicht wurde.
Ein anderes Mal nimmt Doktor Seward an, eine Fledermaus sei gegen die Scheibe geflogen, weil das Licht sie verwirrt habe, wobei man heute jedoch weiß, dass Fledermäuse sich mit Ultraschall orientieren.


Fazit

"Dracula" ist ein sehr gelungener und unheimlicher Vampirroman, in dem gekonnt konstant Spannung aufgebaut wird und der durch sympathische und authentische Figuren und einen atmosphärischen Schreibstil begeistern kann.
Ab und zu liest sich das Buch jedoch auch recht kompliziert und langatmig und das Ende kam dafür eindeutig zu abrupt.
Ich vergebe 4 Sterne.

Kommentare:

  1. Joyeux Noël, Madame Charlie.
    Man/frau tappt als Leser solcher - zudem scheinbar authentischerer - Textarten zwangsläufig in das Dunkel eines Geheimnisses. Je nach Talent der Autoren auch intensiver, als in der klassischen Romanform.

    Die angemahnten Monologe innerhalb der Geschehnisse sind vielleicht Stokers Bindung an die Welt des Theaters geschuldet, die seit Auftritt der klassischen Griechen (im Sand der "Bühne") klassisches Stilmittel war. Die Ansprache des Publikums als bindendes Element; dürfte dem Autor damals angemessen erschienen sein.

    Mina Harker ist leider im Gros der Adaptionen des Stoffes - die ja für die Bekanntheit der Vampir-Saga verantwortlich zeichnen - an den Rand gedrängt, oder zur Bedeutungslosigkeit degradiert worden. Hier war Bram Stroker seiner Zeit, wie den späteren Generationen, um einige Vorstellungswelten voraus.
    Von daher ist sein Buch durchweg zeitlos geblieben.

    Möglicherweise war Bram, zum Ende seiner Romanarbeit, auch nur überarbeitet bis ausgelaugt. Was den Schnitt am Ende erklären könnte; er schrieb auch mehr zwischen Tür & Angel.

    Eisern geprägt bin ich zwangsläufig durch die legendären Filme der Hammer-Studios; für mich sind Dracula oder Van Helsing ewig mit Christopher Lee & Peter Cushing verknüpft.
    Letzterer hat jetzt mit 'Rogue One' ein weiteres, filmisches Denkmal erhalten.

    Du siehst mich gespannt auf Deine diesbezüglichen Eindrücke... :-)

    bonté

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    1. Frohes neues Jahr, RoM!

      Ich glaube, selbst im Theater fänd ich solche Monologe anstrengend, weil ich mir am Ende nicht einmal mehr gemerkt hätte, wie sie angefangen haben.
      Die Überlegungen sind ja durchaus interessant und relevant, aber gerade deshalb sollten sie manchmal prägnanter verpackt sein.
      Tatsächlich fällt mir, jetzt wo du es geschrieben hast, auf, dass die Monologe, die ja an die anderen Figuren gerichtet sind, auch gut eine Ansprache an Publikum sein könnten.

      Ich kenne ja tatsächlich keine einzige Adaption von "Dracula", aber das klingt wirklich traurig. Immerhin erzählt Mina auch gut ein Drittel der Geschichte und trägt viel zur Auflösung bei.
      Eventuell war Stoker da, was Frauenrollen angeht, seiner Zeit tatsächlich etwas voraus.

      Hm, das könnte eine Erklärung sein. Würde dann bedeuten, dass er sein Buch quasi vom Anfang zum Ende geschrieben hat. Macht ja nicht jeder zwingend in der Reihenfolge.
      Dann wüsste ich gerne, ob er einen ausgeklügelteren Plan für das Ende hatte.

      Nun muss ich mir wohl auch mal eine filmische Adaption zu Gemüte führen - oder auch gerne das Musical.




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    2. ..."Sein oder nicht sein, das ist hier die Frage..."
      Ich gestehe, Shakespeares Monologe ziehen mich seit jeher in den Bann. Wohl, weil sie bereits aus der erzählerischen Perspektive, eine weitere Dimension dem Geschehen hinzufügen. Den intimen Gedanken hör- & auch sichtbar gemacht.

      Bei den Filmen könnte ich die legendäre Hammer-Produktion von 1958 anpreisen - schlicht: 'Dracula'. Idealerweise in der englischen Fassung. Sehr frei adaptiert allerdings.
      Näher am Stoff wäre 'Bram Stoker's Dracula' - der mir allerdings erheblich unter künstlerischer Blutarmut (sic!) leidet.

      Apropos Musical - so rein aus der Distanz des Beobachters gesehen, könnte Dir 'La La Land' durchweg gefallen können.

      bonté

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    3. Hab neulich etwas über den Film gelesen und fand, er klang ganz süß. Ich weiß aber noch nicht, ob ich unbedingt die Zeit und das Geld für einen Kinobesuch investieren muss. Bin nach Weihnachten etwas knapp bei Kasse ;).

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  2. Ich habe Dracula auch schon gelesen uns sehr gemocht. Das Buch war sogar Teil meiner Matura-Lektüre in Englisch, wurde dann aber nicht geprüft (wir mussten für die Matura (=Abitur) in jeder Sprache, die wir belegt hatten, eine bestimmte Anzahl Bücher, die wir in bestimmten Grenzen selber aussuchen durften, lesen und mussten bei der mündlichen Prüfung dann Fragen über eines oder mehrere der Bücher beantworten).

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    1. Das ist ja cool, dass ihr euch das aussuchen konntet.
      Wir haben in englisch leider nicht viel gelesen und das, was wir gelesen haben, fand ich eher langweilig.
      "Dracula" hätte ich gerne gelesen, aber das wäre für viele im Grundkurs glaub ich zu viel Arbeit gewesen. Ich hab ja auch sehr lange dran gegessen.

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  3. Wie immer eine tolle, ausführliche und interessante Rezensionen. Ich überlege ja auch, ob ich Dracula mal lese, einfach weil ich ja ein großer Fan des Genres bin und auch ziemlich viele Vampireserien und Filme anschaue und das ist halt echt so das Werk, dass den Weg für all diese Produktionen und Bücher geebnet hat. Somit wäre das schon mal interessant an, was mich halt noch abhält ist die etwas anstregendere Sprache.

    Danke auch für deine liebe Antwort.
    Das hört sich aber echt ziemlich interessant an. Dankeschön für die Info :), denn genau das hat mir bei mersten Teil dann gefehlt. Ich dachte echt, dass wir da noch einen kleinen Blick in ihr neues Leben erhalten, aber so macht das Ende nun auch etwas mehr Sinn. Schade nur, dass man die Forsetzung nie verfilmt hat.

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    1. Danke für das Kompliment!
      Ich glaube, wenn man sich für das Genre interessiert, könnte "Dracula" wirklich interessant sein. Gerade, weil man dann vergleichen kann, was an Mythen übernommen wurde und wo das Buch sich völlig von der modernen Umsetzung des Genres unterscheidet.
      Ich finde, es lohnt sich trotz der anstrengenden Sprache, mal einen Blick reinzuwerfen. Der Anfang und später einige Monologe van Helsings sind recht zäh, aber ansonsten geht es :).

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