[Serienrezension] "Sherlock" Staffel 4

Charlie | Sonntag, 29. Januar 2017 |


"It's not a game anymore" - Dramatischer, komplexer und verstörender als je zuvor





Originaltitel: Sherlock
Genre: Drama, Krimi
Basiert auf: den Geschichten von Arthur Conan Doyle
Länge: 3 Folgen à 90min
Altersfreigabe: ab 12 (?)
Produktionsland: Großbritannien
Erstausstrahlung: Januar 2017 (auf BBC One)
Deutssprachige Erstausstrahlung: -
Darsteller: Benedict Cumberbatch, Martin Freeman, Amanda Abbington, Una Stubbs, Rupert Graves, u.a.
 Quelle




Warnung: Diese Rezension enthält Informationen über die Handlung der ersten drei Staffeln. 

 

Inhalt

Die dritte Staffel (deren Erstausstrahlung tatsächlich schon wieder drei ganze Jahre her ist) endete mit einer mysteriösen Botschaft und einer Andeutung: "Miss me?"
Sollte Moriarty, Sherlocks totgeglaubter Erzfeind, tatsächlich wieder zurück sein?
Doch überraschenderweise sind es ganz andere Episoden und Personen aus der Vergangenheit, die Sherlock und die Watsons in dieser Staffel einholen.



Meinung

Seit der ersten Staffel bin ich bekennender Fan der BBC-Produktion "Sherlock", die den weltberühmten Detektiv ins 21. Jahrhundert versetzt.
Während mich die ersten Folgen vor allem durch ihren Witz und die liebevoll mit Parallelen zur Literaturvorlage ausgestatteten Fälle begeistern konnten, wurde die Serie mit Ende der dritten Staffel und der Sonderfolge im letzten Jahr zunehmend ernster, dramatischer und bezog sich mehr auf die Figuren und ihre Beziehungen untereinander. 

Diesen Kurs setzt die vierte Staffel nun fort und bricht mehr noch als die dritte mit dem "Ein Fall pro Folge"-Prinzip, das die ersten Staffeln zum Teil noch aufweisen. Zwar ergeben die drei Folgen nicht direkt eine zusammenhängende Handlung und in jeder der drei werden einige Aspekte zum Abschluss gebracht, doch trotzdem gehen sie in gewisser Weise in einander über, vor allem die zweite und die dritte, zwischen denen ein fieser Cliffhanger steht.
Auch stehen besonders die enge Beziehung zwischen Sherlock und John (und nein, ich meine keine romantische), Sherlocks seelischer Zustand und seine Vergangenheit sowie Johns Privatleben im Vordergrund, was das Lösen unabhängiger Fälle eher zu kurz kommen lässt. Natürlich beweist Sherlock auch in dieser Staffel wieder, dass er die Kunst der Deduktion beherrscht, doch es gibt weniger Fälle, in denen die Zuschauer*innen auf der Suche nach des Rätsels Lösung mitraten können, und mehr Enthüllungen über und Herausforderungen für die Figuren.


Der Fokus auf die Figuren und ihre Vergangenheit sorgt auch dafür, dass die Staffel einen weitaus ernsteren Ton bekommt als die vorherigen.
Zum einen droht Marys geheimnisvolle Vergangenheit, sie einzuholen und ihr Familienleben mit John zu gefährden.
Doch auch Sherlock ist nicht mehr ganz das Unbesiegbare Genie, als das er in den ersten beiden Staffeln meist erschien. Aus der dritten Staffel und der Sonderfolge "Die Braut des Grauens" wissen wir bereits, dass er durchaus nicht jedes Problem allein mit seinem Intellekt zu lösen weiß - insbesondere, wenn es um Menschen geht, die ihm nahestehen - und dass auch er noch mit den Dämonen seiner Vergangenheit zu kämpfen hat.
Die Grenze zwischen Genie und Wahnsinn, auf der er mehr und mehr zu wandeln scheint, wird in dieser Staffel ebenfalls wieder ausgereizt. Hinzu kommen, nicht zuletzt in Form des bereits im Trailer angekündtigen Culverton Smith, neue Bedrohungen für Sherlock persönlich, die ich kaum anders beschreiben kann als mit Psychoterror, da es zumeist um Sherlocks absolute Schwachstellen - Freunde und Familie - geht. Besonders die letzten beiden Folgen wussten mich zu fesseln und zu schockieren, zum Teil sogar so sehr, dass ich kaum hinsehen konnte.
Das hat der Serie leider auch einen Teil ihrer Lockerheit genommen und sie durch die erhöhte Spannung so anstrengend gemacht, dass ich zum ersten Mal froh war, nur jede Woche eine Folge sehen zu können und das auch nur drei Wochen lang. 
Bei all dem nervenzerreißenden Drama dieser Staffel, das meist ziemlich geschickt kreiert wird, fallen einige eher ausgelutschte Klischees leider umso negativer auf. Ich kann die betreffenden Szene hier nicht erwähnen, ohne zu viel über die Handlung zu verraten, aber denen, die die Staffel bereits kennen, seien die Stichwörter Brunnen und Bombe genannt. Einige Situationen kamen mir leider aus zweitklassigen Krimiserien und billigen Actionfilmen bekannt vor, was eine so qualitativ hochwertige Serie wie "Sherlock" nun wirklich nicht nötig gehabt hätte.

Der neue Fokus der Serie hat aber auch einen Vorteil: Die Figuren, insbesondere Sherlock, John und Mary, bekommen noch einmal mehr Tiefe, da die Folgen sich mehr mit ihnen selbst als mit ihrer Arbeit beschäftigen. John überrascht durch den Beweis, dass er vielleicht doch nicht so vollkommen liebenswürdig ist, wie er bisher gewirkt hat, Marys Vergangenheit und ihre Beweggründe, diese zu verbergen, werden audgedeckt, und Sherlock wirkt immer verletzlicher. Hinzu kommt, dass die Freundschaft von John und Sherlock durch ein schockierendes Ereignis stark auf die Probe gestellt wird. Auch die Geschwisterbeziehung von Sherlock und Mycroft und Sherlocks Freundschaft zu anderen Figuren wie Molly oder Lestrade werden thematisiert. 
Enttäuscht hat mich allerdings die Rolle, die John in dieser Staffel einnimmt. Hatte "Die Braut des Grauens" noch einen wunderbaren Hinweis darauf gegeben, dass Sherlock, auch wenn er das Genie von beiden ist, nicht ohne Johns Unterstützung exisitieren kann, verkommt John in dieser Staffel mehr und mehr zum Sidekick. Zwar ist er oft die primäre Motivation für Sherlocks Handeln und sie beweisen, wie wichtig sie einander sind, doch zum größten Teil dreht sich die Staffel weiterhin um Sherlock, während John danebensteht und zusieht oder sogar bedroht wird, um Sherlock zum Handeln zu zwingen (bespielsweise in einer sehr klischeehaften Szene in der letzten Folge). Sherlock löst Rätsel, Sherlock legt sich mit Bösewichten an, Sherlock will Mary helfen, Sherlock wird von seiner Vergangenheit eingeholt. Natürlich ist er auch die titelgebende Figur und daher zurecht die Hauptfigur, doch gerade nach der Sonderfolge hätte ich mir hier eine aktivere Rolle von John gewünscht.

Meine angebrachten Kritikpunkte sind natürlich Jammern auf hohem Niveau, denn noch immer weiß "Sherlock" die Zuschauer zu fesseln und zu überraschen. Besonders genial war in meinen Augen die Art, wie die Drehbuchautoren Steven Moffat und Mark Gatiss mit den verschiedensten Fan-Theorien und Erwartungen spielen und am Ende doch ihrer eigenen Linie treu bleiben und vollkommen unerwartete Wendungen einbauen. Auch wird deutlich, wie lange im Voraus sie schon das komplexe Netz gewoben haben, das in dieser Staffel langsam enthüllt wird. Es macht einfach Spaß eine Serie zu sehen, bei der man merkt, dass sie mit Liebe und Begeisterung für die Handlung und die Figuren geschrieben wurde und nicht nur, um möglichst viele beliebte Klischees zu erfüllen und hohe Quoten zu erreichen. Bei Gatiss und Moffat kann ich mir auch sehr gut vorstellen, dass sie die Serie beenden, wenn sie ihre Geschichte erzählt haben, selbst, wenn sie noch gut läuft. Und das wüsste ich zu schätzen.

Glücklicherweise fehlen trotz der vielen ernsthaften Szenen auch die humorvollen Momente und die witzigen Dialoge nicht, mit denen mich die Serie von Anfang an begeistern konnte, und es gibt wieder das ein oder andere tolle Zitat, das man sich rauschreiben könnte. Wenn man den ersten Schock der vielen Enthüllungen und Dramen überlebt hat, kann man sich die Staffel sicher noch einmal angucken und dabei gut amüsieren. (Als weitere Anspielung für diejenigen, die die Staffel schon kennen: "I Want to Break Free" und Mrs. Hudson waren der Hammer, nicht wahr?)



Fazit

Die vierte Staffel von "Sherlock" ist anders als ihre Vorgängerinnen und das muss man nicht unbedingt mögen. Die Handlung konzentriert sich deutlich stärker auf die Figuren, ihre Vergangenheit und ihre Beziehung untereinander als auf einzelne Fälle, was die Staffel einerseits nervenzerreißend spannend macht, der Serie aber andererseits aber auch einen Teil ihrer angenehmen Lockerheit nimmt und sie etwas anstrengend macht. Die von Steven Moffat und Mark Gatiss ersannten Enthüllungen wissen defintiv zu überraschen, die Figuren bekommen ein wenig mehr Tiefe und zur Auflockerung gibt es weiterhin spritzige Dialoge und humorvolle Szenen. Ein wenig leid tat es mir um John, der hier in meinen Augen etwas zu passiv ist, und ein paar extrem klischeehafte Szenen hätte man sich wirklich sparen können. Ich vergebe sehr gute vier Sterne.




Kommentare:

  1. Latha math, Charlie.
    Es zeichnet den amoralischen Wicht aus, dass er seine deklarierten Feinde nur indirekt angeht, indem er sich an geliebten Dritten zu vergreifen droht. Dabei nicht vergessend, dem somit Bedrohten auch die Verantwortung für deren Schicksal anzuheften. Mit anderen Worten ein Abgrund an ethischer Widerlichkeit.
    Wird, wie mit Culverton Smith, gernst in Geschichten verwandt - ist aber auch in der Realität unserer Tage aufzufinden.
    Charakterlosigkeit sowieso!
    Vermutlich mögen wir deshalb unsere Helden so; weil Gutes irgendwo zu gewinnen weiß (gut, abgesehen von skandinavischen Krimis jetzt!)

    Ein Gros der britischen Serien zeichnet sich dadurch aus, dass sie zumeist im Vornherein auf ein konkretes Ende (inhaltlich wie quantitativ) hin festgelegt sind. Sehr zu ihrem Nutzen & unserer Freude.

    Ich denke, dass dieser Sherlock Holmes mit eben dieser Season im 21. Jahrhundert angelangt ist.

    bonté

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    1. Das stimmt leider, auch wenn ich hoffe, dass die Welt nicht ganz so viele Wahnsinnige wie Smith zu bieten hat :D.

      Also zumindest bei "Doctor Who" hatte ich den Eindruck bisher nicht :D. Und bei "Luther" hätte ich es mir sehr gewünscht, statt dieser unsäglichen vierten Staffel.
      Auf jeden Fall zeichnen sich britische Serien durch ihre sehr eigene Machart aus.

      Meinst du damit, dass die Serie sich jetzt unabhängig vom Original entwickelt oder dass sie beendet wird?

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    2. ...läuft wohl unter Regelausnahmebestätigung(*). Wobei "Doctor Who" eine Institution in Sachen intelligenter Unterhaltung ist. Hoffe das bleibt in Cymru so beibehalten, wenn Steven Moffat - zusammen mit Peter Capaldi - die Serie verläßt.
      Wobei als neuer Showrunner Chris Chibnall verpflichtet wurde, dem wir u.a. ja "Broadchurch" verdanken. Bleibt die beliebte Frage im Raum, ob nun der neue Doctor vielleicht jetzt weiblich &/oder farbig sein wird.

      Ja, ich meinte die moderne Unabhängigkeit von "Sherlock" damit.
      Wobei es bis zu einer neuen Begegnung - eher Special denn Dreiteiler - etwas länger dauern könnte.

      bonté

      (*)ei watt ein Wort-Ungetüm :-)

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    3. Oh, ich wusste gar nicht, dass Moffat auch aufhört. Bisher hatte ich nur das mit Capaldi gehört. Bin mal gespannt auf den neuen Doctor. Bisher bin ich ja erst bei Staffel 3, dauert also ohnehin noch, bis ich die Veränderungen mitbekomme.


      Ich denke auch, dass "Sherlock" früher oder später die Verbindung zum Original wird aufgeben müssen.

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  2. Ich muss doch noch mal damit anfangen... ich hab die ersten zwei Folgen gesehen und fand sie gut, dann hatte ich aber eine zeitlang kein Netflix und habe schlicht und ergreifend nicht mehr weiter geschaut. Muss ich nachholen!

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    1. Das geht mir mit vielen Serien so. Ich fange sie an, sehe sie aus irgendwelchen Gründen nicht weiter und verliere sie dann aus den Augen.
      Aber bei "Sherlock" würde ich sagen, dass sich das Weitergucken lohnt :).

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