[Musical] Disneys "Der Glöckner von Notre Dame" (Berlin | 04-11/17)

Charlie | Dienstag, 7. November 2017 |
Emotionale Achterbahn mit wichtiger Botschaft


Am Samstagabend war die Berliner Derniere von "Der Glöckner von Notre Dame" und somit wird es nach einem wundervollen Dreivierteljahr für mich Zeit, meine Erlebnisse mit diesem Musical Revue passieren zu lassen. 
Denn ich hatte nicht nur das Glück, dieses wunderbare Stück von vorne zu sehen, sondern habe als Mitglied eines der beiden beteiligten Laienchöre auch auf der Bühne stehen dürfen. Daher kann und wird dies auch keine normale Kritik zum Stück werden, denn ich habe es erstens weitaus öfter gesehen als jedes andere Musical (46 Mal bisher) und kenne somit mehr von seinen Facetten, und zweitens nimmt man ein Stück, in dem man mitwirkt, natürlich noch einmal ganz anders wahr als eines, das man "nur" anguckt.
Ich weiß schon jetzt, dass ich keine ausreichenden, für mich zufriedenstellenden Worte finden werde, um zu beschreiben, was  dieses Stück nach dieser Zeit für mich bedeutet, aber versuchen will ich es trotzdem. 



Das Stück - Inhalt 

Das Stück erzählt die Geschichte, die so ähnlich bereits aus dem Roman von Victor Hugo und dem gleichnamigen Disneyfilm bekannt ist - mit kleinen Abwandlungen. 
Der Waisenjunge Quasimodo wächst bei seinem Adoptivvater Claude Frollo, dem Erzdiakon von Notre Dame, auf, welcher ihn für seine körperlichen Handicaps als "hässlich" und "entstellt" bezeichnet und im Glockenturm vor der Welt versteckt - zu Quasimodos Schutz, wie er vorgibt.
Doch eines Tages, als die Menschen in Paris das sogenannte Narrenfest feiern, schleicht Quasimodo sich raus und mischt sich unter die feiernde Menge. Dort begegnet er der wunderschönen Esmeralda, die mit ihrem Tanz die Männer verzaubert. Und nicht nur der junge Glöckner findet Gefallen an der Zigeunerin*. Auch Phoebus, den Hauptmann der Domwache, und Erzdiakon Frollo selbst fasziniert sie. Und Frollo hat mit diesen unchristlichen Gefühlen sehr zu kämpfen, denn er hasst Zigeuner eigentlich über alles.



Das Stück - Infos

Das Musical ist eine Neuinszenierung des Musicals von 1999, das damals ebenfalls in Berlin aufgeführt wurde und wiederum auf dem Disneyfilm von 1996 basiert. Die Musik wurde in allen drei Werken von Alan Menken komponiert, die Texte stammen von Stephen Schwartz und wurden von Michael Kunze übersetzt. 
Einige der bekannten Lieder aus dem Disneyfilm und der alten Inszenierung wurden übernommen, viele haben jedoch einen neuen Text erhalten und im Vergleich zum Disneyfilm hat das knapp doppelt so lange Musical natürlich mehr Musiknummern.

Die jetzige Inszenierung, die nach mehr als einem halben Jahr in Berlin nun für einige Wochen nach München und anschließend für 13 Monate nach Stuttgart geht, ist die deutsche Version der amerikanischen Inszenierung von 2014, die sich, soweit ich gehört habe, stark von der deutschen 1999er unterscheidet. 
Selbst kann ich allerdings keinen Vergleich ziehen, da ich die alte Inszenierung nie gesehen habe. In den USA lief das Stück übrigens nur zweimal für wenige Monate, während es hier in Deutschland offenbar deutlich erfolgreicher ist. 

Die Handlung ist im Vergleich zum Disneyfilm deutlich ernster und, was ich unbedingt betonen möchte, meiner Meinung nach (und auch nach Empfehlung des Theaters) nicht für kleine Kinder geeignet. Sexuelle Lust und körperliche Gewalt werden stark thematisiert und spielen für die Handlung eine große Rolle. Auch das Ende ist absolut nicht so fröhlich und positiv, wie man es von Disney kennt.
Im Vergleich zum Buch wiederum (und auch das kann ich nicht wirklich beurteilen, da ich bisher nur die Wikipedia-Zusammenfassung kenne) weist das Musical natürlich immer noch den typischen Disney-Kitsch auf und zeichnet einige Figuren deutlich sympathischer und gefälliger, als sie eigentlich sind. 




Das Stück - Meinung 

Ich muss zugeben, das Stück hätte mich wohl gar nicht so sehr gereizt, wenn ich nicht die Möglichkeit gehabt hätte, selbst daran mitzuwirken. Ich bin kein riesen Disney–Fan, kein Fan ihrer verkitschten Versionen, kannte den entsprechenden Disneyfilm auch gar nicht, wusste nichts vom der Musik und kaum etwas von der Geschichte, was mich reizen konnte. Auch die Darsteller*innen waren mir kein Begriff und so hätte es vermutlich eine Weile gedauert, bis ich mir das Stück einmal angesehen hätte - wenn überhaupt, denn Stage-Stücke sind ja bekanntlich teuer. 
Da ich aber das Glück hatte, von den ersten Previews an dabei bis hin zur Derniere am Samstag sehr oft dabei gewesen zu sein, habe ich eine ganz besondere Verbindung zu diesem Stück aufgebaut. Daher bin ich nun sicherlich auch etwas parteiisch und blind gegenüber Dingen geworden, die mir nicht so gut gefallen hätten, hätte ich es nur einmal gesehen.


Was bei diesem Stück besonders erwähnenswert ist, wie politisch aktuell es ist, wenn man zwischen den Zeilen liest. Frollo, der Antagonist, ist überaus feindselig gegenüber Fremden eingestellt und hegt Vorurteile gegen Zigeuner*innen, ohne diese je wirklich zu begründen. Diese Art der Ausgrenzung einer ganzen Volksgruppe ist nicht nur in der Geschichte sehr häufig vorgekommen, sondern erinnert auch stark an die aktuelle politische Stimmung gegenüber Geflüchteten. 
Auch am Beispiel Quasimodos geht es um das Anderssein und die Akzeptanz und Inklusion von Menschen, die anders aussehen oder sich anders verhalten als die meisten anderen, deshalb aber nicht weniger liebenswert sind.

Ein sehr genialer Aspekt des Stückes ist auch, wie Quasimodos Aussehen inszeniert wird. Denn er taucht nicht als buckeliger, „hässlicher“ junger Mann auf der Bühne auf; er wird von Frollo, der ihm eher unfreiwillig aufzieht,  auf der Bühne dazu gemacht. Aufrecht gehend und mit normalem Aussehen betritt Quasimodo die Bühne, bevor er sich vom Frollo seinen Buckel geben und aufziehen lässt, seine Körperhaltung anpasst und sein Gesicht mit schwarzer Farbe bemalt und verzerrt. Diese Wandlung wird begleitet von einer Frage, die sich durch das ganze Stück zieht „Mensch oder Scheusal -  Wer ist jeweils wer?“. Eine Frage, die andeutet, was das Stück einen lehrt: Dass nicht die Menschen „Monster“ sind, die anders sind, sondern diejenigen, die diese „anderen“ Menschen ausgrenzen und dafür leiden lassen, dass sie anders sind. Besonders mit einem inszenatorischen Trick am Ende, den ich noch nicht verraten will und der diese Frage noch einmal betont, wird hier eine sehr wichtige und berührende Botschaft vermittelt.


Was mich an der Geschichte überrascht hat, war, wie viel ernster als der Disneyfilm sie ist (Was auch der Grund ist, wieso das Stück meiner Meinung nach nichts für kleine Kinder ist.). Klar, es gibt auch viele witzige Sprüche und einige bunte, fröhliche Szenen, aber in dem Stück - besonders im Ende - steckt auch viel Schmerz und Verzweiflung. Quasimodo wird von klein auf von der Welt ausgeschlossen und von Frollo und anderen gequält und glaubt daher, nicht liebenswert zu sein. Esmeralda und ihr Volk sind ebenfalls  aus der Gesellschaft ausgeschlossen und werden oft schlecht behandelt und stets vertrieben. Frollo steht im Konflikt zwischen seinen Prinzipien und seiner körperlichen Lust und lässt diese Probleme an Esmeralda aus, die er gerne besitzen oder dafür leiden lassen würde, dass sie ihn so durcheinanderbringt. 
Nicht zu vergessen die vielen sexuellen Anspielungen. 
In gewisser Hinsicht nähert sich das Stück wieder mehr dem Buch von Hugo an, das deutlich ernster und brutaler ist als der Film, auch wenn es in anderen Punkten immer noch deutlich kitschiger ist und einige Figuren sympathischer darstellt, als sie im Original sind. 


Gefreut hat mich an dem Stück die Figur des Frollo, da mein Herz für die „Bösen“ schlägt, die mich einfach nur böse sind, um des Böse-Seins willen (Im Sinne von „Ich will unsterblich werden und die Welt beherrschen.“), sondern deren Handlungen und Gedankengänge man zumindest nachvollziehen kann. Frollo ist - ähnlich wie Javert aus "Les Misérables", das ebenfalls auf einem Hugo-Roman basiert - zerrissen zwischen seinen Prinzipien, an die er von klein auf geglaubt hat, und seinen Gefühlen, die er nicht kontrollieren kann. Der Konflikt macht ihn wahnsinnig und erschüttert seinen Glauben, er sei ein besser, reinerer Mensch als andere, und dieser Zwiespalt entlädt sich in Hass auf die arme Esmeralda.

Die Figur des Quasimodo ist mir in der Zeit, die ich mich mit dem Stück auseinandergesetzt habe, sehr ans Herz gewachsen. Vom klein auf wird er gequält und ihm wird eingeredet, er sei minderwertig, obwohl er so ein treuer, lieber Zeitgenosse ist. Man leidet beim Zuschauen richtig mit ihm und würde ihn manchmal einfach gerne in den Arm nehmen und ihm versichern, dass er liebenswert ist. Seine Trauer und Verzweiflung sind es, die mir am ehesten die Tränen in die Augen getrieben haben. 

Ich muss allerdings zugeben, dass ich wohl nie ein großer Fan von Esmeralda und Phoebus werde. 
Phoebus tritt zunächst als Frauenheld auf, der es mit keiner so richtig ernst meint und einfach nur seinen Spaß haben will. Als er dann Esmeralda kennenlernt, ist er sofort fasziniert von ihr und auf einmal ein richtiger Romantiker, doch wie die Gefühle der beiden für einander entstehen, konnte ich nie so ganz nachvollziehen. Das geht mir allerdings mit den meisten Liebesgeschichten in Musicals so und ist zum Teil auch verständlich, da in knapp drei Stunden Stück nicht unendlich viel Zeit ist, um alles genau zu beschreiben und zu erklären. 
Dafür, dass die beiden sich vorher nur selten begegnet sind nur nur zwei richtige Dialoge haben, sind mir auch die Lieder der beiden am Ende ("Ort der Wunder", "Einmal") viel zu kitschig. Einige Fans würden mich dafür vielleicht steinigen, aber "Einmal" ist tatsächlich eine von zwei Szenen, die mir nach über 40 Mal irgendwann zu langweilig wurden - je nachdem, wer gerade spielte.


Ein Wort zur Musik darf natürlich nicht fehlen, denn die hat mich mit der Zeit immer mehr fasziniert, da ich in ihr immer wieder Neues entdeckt habe. 
Bei Musicals ist mir eine gute Mischung aus Soli, Duetten und Ensemblenummern wichtig und diese Mischung gelingt dem "Glöckner" recht gut. Mit "Hilf den Verstoß'nen", "Feuer der Hölle" und "Nur aus Stein" gibt es einige beeindruckende Soli, von denen Esmeralda und Quasimodo meinem Gefühl nach die meisten haben. Am "Drunter, Drüber"-Tag, in der Taverne, am "Ort der Wunder" und vor allem am Ende ist wiederum das ganze Ensemble mehrstimmig beteiligt ist. Nur an reinen Duetten mangelt es dem Stück ein wenig, da z.B. selbst "Einmal" größtenteils ein Solo ist, was ich beim Hören jedoch auch nicht wirklich vermisst habe. 
Auch was die Stimmung betrifft, bietet die Musik gute Abwechslung. Es gibt laute, bunte, fröhliche Nummern - vor allem dann, wenn die Zigeuner*innen beteiligt sind, es gibt langsame, kitschige Lieder und dramatische, aufgeladen mit schmerzhaften Emotionen. Man kann durchaus behaupten, dass man, wenn man den "Glöckner" schaut, eine wahre Gefühlsachterbahnfahrt mitmacht.

Nicht vergessen werden darf natürlich der für ein Musical eher ungewöhnliche Chor, der der Grund war, wieso ich an dem Stück quasi mitarbeiten durfte. Denn im "Glöckner" gibt es zusätzlich zu dem recht kleinen Ensemble, das an einigen Stellen wie in anderen Musicals eine Art Chor bildet, noch einen extra Chor, der nicht schauspielerisch beteiligt ist, aber einige Szenen noch zusätzlich musikalisch untermalt. Wir saßen dafür in dem Holzgerüst auf der Bühne und mussten außer gelegentlichem Aufstehen und wieder Hinsetzen nicht mitspielen. Dafür haben wir beispielsweise in Szenen, in denen das Ensemble sprechen musste, im Hintergrund Chorteile gesungen, oder in anderen Stücken das Ensemble oder einzelne Darsteller*innen begleitet.  Sogar ein reines Chorstück haben wir mit "Entr'Acte" zu Beginn des zweiten Aktes bekommen.
Nachdem ich das Stück dann auch mehrmals als Zuschauerin gesehen habe, muss ich sagen, dass der Chor in vielen Szenen zwar vermutlich nicht besonders auffällt, aber dennoch im Hintergrund eine tolle Stimmung verbreitet, beispielsweise wenn bestimmte Ereingnisse mit einem dramatischen "Kyrie eleison" "kommentiert" werden oder einige leise Zeilen mit einer zarten Vokalise auf "Ah". Auch wenn in dramatischen Szenen plötzlich 24 Menschen auf einmal aufspringen, auf das Geschehen blicken und es gesanglich kommentieren, macht das einen tollen Eindruck.

Genial finde ich auchdie Verwendung musikalischer Themen, die sich stets an den verschiedenen Stellen wiederfinden und einen roten Faden durch das Stück ziehen und die ich zum Teil erst spät entdeckt habe. Allein das erste Stück, "Olim", findet sich an späterer Stelle in "Einmal" wieder, das wiederum im "Finale Ultimo" Esmeraldas Version von einer besseren Welt wiederholt. Auch Esmeralda hat ein eigenes Thema, das das Publikim bis zum Ende hin begleitet, da sie eine Figur ist, die in den anderen Figuren ganz neue Seiten zum Vorschein bringt. Mehrere kleine Themen wie Frollos "Die Bösen soll'n der Strafe nicht entgeh'n" oder seine Warnungen an Quasimodo, werden ebenfalls wiederholt, wenn es gilt, eine inhaltliche Klammer zu schließen. Auf diese Weise verstärkt die Musik den Eindruck einer gut durchdachten Handlung, die von Anfang bis Ende das Ziel hat, bestimmte Botschaften zu vermitteln.

In einigen Rezensionen habe ich die Kritik gelesen, in dem Stück werde zu viel gesprochen und zu wenig gesungen. Zum Teil kann ich dies nachvollziehen, denn im Vergleich zu anderen Stücken gibt es im "Glöckner" wirklich einige längere Sprechsequenzen. Mich persönlich hat das aber nie gestört, da das auf mich natürlicher und angenehmer gewirkt hat als in Stücken, in denen scheinbar verzweifelt versucht wurde, aus jedem Dialog ein Lied zu machen, ohne dass die Musik an der Stelle wirklich relevant ist. Wenn im "Glöckner" gesungen wird, dann ist es entweder ein "vollwertiges Lied" oder die Reprise eines musikalischen Themas, das Inhalte mit einander verbindet. So wirkt die Verwendung von Musik stets gut durchdacht, wie ich finde.


Was an dem Stück ebenfalls bemerkenswert ist, ist die Tatsache, dass das gesamte Ensemble fast ständig auf der Bühne ist und dort selbst die Bühne umbaut und sich zum Teil auf der Bühne umzieht. Was zunächst vielleicht seltsam klingt und wirkt, ist in meinen Augen extrem beeindruckend. "Der Glöckner von Notre Dame" versucht nicht, dem Publikum den Eindruck zu vermitteln, die Menschen auf der Bühne oder die Kulissen würden sich mit einem Fingerschnippen in etwas anderes verwandeln. Im Gegenteil - Das Stück zeigt ganz bewusst, wie das Bühnenbild verändert wird und die Kostüme gewechselt werden. Einigen Menschen hat dies nicht so besonders gefallen; ich fand es kreativ und überhaupt nicht schlimm. Immerhin wissen wir, wenn wir ins Theater gehen, alle, dass das dort auf der Bühne nicht real ist und die Illusionen nur einfache Bühnentricks.

Dementsprechend ist die Kulisse auch nicht so opulent wie beispielsweise bei "Tanz der Vampire". Die Bühne selbst bewegt sich überhaupt nicht und wird größtenteils von einem großen Holzgerüst eingenommen, welches Notre Dame darstellen soll. Beweglich sind jedoch der beeindruckende Glockenstuhl und einige andere Elemente wie z.B. zwei Treppen, ein kleine Podest und mehrere Geländer, die vom Ensemble nach Bedarf auf die Bühne geschoben und dort sehr kreativ verwendet werden, um den Kulissenwechsel anzudeuten. Der "Glöckner" zeigt, wie man aus wenigen Dingen das Publikum dennoch an die verschiedensten Orte entführen kann.

Auch die Kostüme des Ensembles werden zu großen Teilen auf der Bühne gewechselt, denn die Darsteller*innen sind Wasserspeier, das Pariser Volk, Zigeuner*innen und Soldaten zugleich und müssen teilweise recht schnell von einer Rolle in die andere schlüpfen. Da legt ein Soldat dann schon mal sein Kettenhemd auf der Bühne ab, um in der nächsten Sekunde als einfacher Bürger Esmeralda beim Tanzen zuzusehen, oder die Wasserspeier schlüpfen aus ihren grauen Kutten, um als nächstes wieder das einfache Volk darzustellen.
Aufgrund dessen sind die Kostüme zum Teil eher einfach gestaltet; einfacher als in der alten Inszenierung, soweit ich gehört habe. Die Wasserspeier werden durch einfache graue Kutten dargestellt, welche in anderen Szenen aber auch die Kleidung von Mönchen zu sein scheint. Zieht sich ein Mann ein Kettenhemd über und Handschuhe an, ist er schon ein Soldat. Auch Quasimodo schminkt sich sogar selbst auf der Bühne, was aber auch daran liegt, dass seine Maske eher eine symbolische als eine direkt Bedeutung hat.
Auch das wurde von einigen Menschen bemängelt, doch auch hier muss ich sagen, dass ich die Verwendung von Kostüm und Maske sehr gut gelöst finde. Bei einigen der schnellen Wechsel auf der Bühne, wäre das teilweise auch gar nicht anders umsetzbar, und mir gefällt das Stück auf diese Weise besser, als wenn man die Dynamik herausnehmen würde, indem man extra Szenen mit wenigen Figuren auf der Bühne einbauen würde, in denen sich der Rest des Ensembles umzieht. Immerhin ist das Ensemble mit zwölf Leuten (plus fünf Hauptfiguren) auch recht klein und es ist nur in wenigen Szenen möglich, nur einen Teil davon spielen zu lassen, damit sich der Rest umziehen kann.

Diese besondere Dynamik des Stückes hat zur Folge, dass das Ensemble die Bühne nicht oft und wenn, dann meist nur für kurze Zeit oder einige der Soli verlässt. Wie Theaterleiterin Andrea Pier am Abend der Derniere anmerkte, ist dies für den Cast Schwerstarbeit, denn in anderen Stücken gibt es für die einzelnen Menschen oft viel mehr bzw. längere Pausen.
Beeindruckend fand ich auch, wieviel das Ensemble nebem dem Spielen,  Singen und Tanzen noch leistet. Requisiten müssen selbst mit auf die Bühne gebracht und wieder weggeräumt werden, jeder Mensch muss genau am richtigen Platz stehen, damit die Treppe oder das Geländer exakt an den richtigen Ort geschoben werden kann, etc. Mag sein, dass die Abläufe in anderen Stücken auch so komplex sind, aber die meisten anderen Musicals sehe ich nur einmal und kann auf sowas nicht achten. Beim "Glöckner" hatte ich die Zeit und habe sehr bewundert, was die Menschen auf der Bühne alles leisten, insbesondere die Swings, die sich die ganze Abläufe gleich von mehren Rollen merken müssen.


Ebenfalls anmerkenswert erscheint mir, gerade im Vergleich zu Stücken mit einem sehr großen Ensemble, das aber fast nur Chornummern singt, dass in "Der Glöckner von Notre Dame" jede der 17 Personen, die in jeder Show auf der Bühne stehen, mindestens einige wenige Sätze zu sprechen und/oder zu singen hat. Dadurch hat jede Rolle etwas Einzigartiges und verschwindet nicht einfach in der Masse. Gleichzeitig erschwert dies aber natürlich auch sogenannte Cut-Shows - Shows, in denen nicht genug Menschen da sind, um alle Rollen auszufüllen (dazu später mehr).



Die Shows


Im Laufe des letzten Dreivierteljahres hatte ich das Glück, 46 Shows vom "Glöckner von Notre Dame" zu sehen (fünf davon von vorne, die restlichen 41 von der Bühne aus) und in jeder Show hatte ich großen Spaß, da ich stets etwas Neues entdecken konnte.

Für mich war es das erste Mal, dass ich eine Show so oft hintereinander gesehen habe, dass mir beinahe jede  Kleinigkeit auffallen konnte, die irgendwann irgendwo auf der Bühne passiert.
Wenn ich ein Stück zum ersten Mal sehe, schaue ich natürlich - wie es auch vom gewollt ist - meist auf die Hauptfiguren und höre ihnen zu, aber nach ein paar "Glöckner"-Vorstellungen konnte ich meine Aufmerksamkheit auch abschweifen lassen. So kam ich in den Genuss des mehrstimmigen Ensemblegesangs, der kleinen Späße, die die Darsteller*innen manchmal mit dem Rücken zum Publikum machten, der besonderen Melodien aus dem Orchester, die man beim Lauschen auf die Hauptfiguren leicht überhört, und der vielen Dinge, die stets auf die und von der Bühne gebracht werden, und die beim ersten Schauen vielleicht erstmal wirken, als würde sie aus dem Nichts auftauchen.
Auch die vielen kleinen Veränderungen, die jeder Mensch ab und an einbaut, vor allem Swings und Zweitbesetzungen, entgingen meiner Aufmerksamkeit nach einer Weile nicht mehr und waren oft das, was mich an Shows am meisten amüsierte. Viele Versprecher, Änderungen der Mimik oder des Tonfalls, haben vor allem dann ihren Witz, wenn man weiß, wie es in anderen Aufführungen normalerweise klingt. Ich finde es fast schon ein wenig traurig, dass mir solche Dinge bei den nächsten Musicals, die ich gucken werde, nicht auffallen können.


Während meiner Zeit beim Glöckner habe ich es erfreulicherweise geschafft, jeden Menschen, der für eine Hauptrolle besetzt war, mal in dieser Rolle zu sehen und auch die meisten Swings habe ich in allen Rollen gesehen, die sie gespielt haben. Damit habe ich einen ziemlich guten Überblick über den Cast bekommen und muss sagen, dass ich wirklich zutiefst beeindruckt bin. Auch hier gilt, dass ich natürlich kaum einen Vergleich habe, da ich kein anderes Stück so häufig gesehen habe, aber dennoch möchte ich das Lob an dieser Stelle aussprechen.

Natürlich habe ich für die meisten Rollen eine*n Lieblingsdarsteller*in - eine Person, die in meinen Augen einfach am besten in die Rolle passt und sie am ehesten so ausfüllt, wie ich sie mir vorstelle. Das bedeutet aber keinesfalls, dass ich die anderen Darsteller*innen schlecht fände! Einen Vergleich zwischen so verschiedenen, aber allesamt äußerst talentierten Menschen zu ziehen, kommt mir recht unmöglich vor. Die anderen Besetzungen spielen die Rollen vor allem einfach anders, deshalb aber keinesfalls weniger gut.
Gerade die Zweitbesetzungen, die mich in einigen Fällen anfangs nicht sofort überzeugten (z.B. Tim Reichwein als Phoebus oder Alexander Zamponi als Clopin) steigerten sich in meinen Augen in späteren Shows immer mehr und ich hatte den Eindruck, dass sie sich langsam mehr an die Rolle gewöhnten und sich darin "einlebten", was auch in ihrem Schauspiel zu spüren war.

Mein riesengroßes Kompliment geht vor allem an die vier Darsteller von Quasimodo, die ich alle bereits mehrmals und sowohl aus dem Publikum als auch von der Bühne aus erleben durfte: David Jakobs, Jonas Hein, Milan van Waardenburg und Kevin Köhler. Diese Rolle ist tatsächlich die einzige, in der ich mich absolut nicht für einen Liebling entscheiden könnte, weil alle vier die Rolle unterschiedlich spielen und ihre ganz eigenen Qualitäten dafür mitbringen, mich aber alle restlos überzeugen konnten. Jonas brachte beispielsweise oft den meisten Witz in die Rolle (auch wenn ihm einige Späßchen später offenbar verboten wurden) und beeindruckte mich vor allem mit seinem großen Stimmumfang und seiner Wandelbarkeit, die dann deutlich wurden, wenn er in einer anderen Show als Swing eine Bass-Rolle coverte. Milan und Kevin haben beide unglaublich starke, klare Stimmen und Milans "Nur aus Stein" ist mit Abstand meine Lieblingsinterpretation dieses gewaltigen Solos. Kevin dagegen konnte mich, als ich ihn gegen Ende der Berliner Spielzeit in einer Probe miterleben durfte, auch beim 45. Schauen auf einmal wieder so sehr berühren, dass mir seine Quasimodo-Szenen Tränen in die Augen trieben. Und dennoch kann ich nachvollziehen, wieso David für die Rolle als Hauptdarsteller besetzt wurde, denn er spielt die Rolle ebenfalls auf eine ganz eigene, liebenswerte Art und kann selbstverständlich ebenfalls super singen.

Auch die Esmeralda-Cover sind für mich ein Beispiel für perfekt ausgewählte Zweitbesetzungen.
Nicht alle Zuschauer*innen waren große Fans von Hauptbesetzung Sarah Bowden und sie wird auch nicht meine Lieblingsdarstellerin, aber man kann ihr nicht absprechen, dass sie ihren Job sehr gut macht (und noch dazu durch ihre viele Charity-Arbeit wie ein sehr liebenswerter Mensch wirkt).
Ihre Zweitbesetzungen Kristina Love und Sina Pirouzi sind aber mindestens ebenso passende Wahlen für die Rolle der Esmeralda und konnte mich sogar bisher noch ein Stück mehr überzeugen. Beide spielen ganz anders als Sarah, wirken etwas spontaner und auf mich echter. Sina hat eine angenehme, natürliche Spielweise und ist auch rein optisch für mich die perfekte Esmeralda. Kristina spielt mit so unglaublichen Emotionen, dass man ihr nicht nur abnimmt, dass sie diese in diesem Moment wirklich fühlt (Sie fängt auf der Bühne auch oft tatsächlich an zu weinen.), sondern auch direkt von ihr angesteckt wird. Außerdem wirkte sie auch in den wenigen Momenten, in denen ich mit ihr privat ein paar Worte gewechselt habe, absolut herzlich und sympathisch und strahlt eine unglaubliche Fröhlichkeit aus. Von ihr würde ich gerne noch mehr sehen.

Extrem beeindruckend war in dieser Spielzeit auch die Flexibilität, die das gesamte Ensemble besonders gegen Ende der Spielzeit regelmäßig zeigte. Es gab nicht nur geplante Urlaube, sondern leider auch viele Un- und Krankheitsfälle, sodass in diesem Stück mehr improvisiert werden musste, als es geplant war. Es ging so weit, dass in einigen Shows Kevin (der sich dadurch in unserer Facebook-Gruppe zum Stück den Spitznamen "Superswing Kevin" einhandelte) zwei Ensemblerollen gleichzeitig spielte und Dorit Oitzinger - als weiblicher Swing eigentlich nur auf Frauenrollen eingespielt - die andere Hälfte dieser zwei Männerrollen übernahm, wenn diese gerade nicht zwingend von einem Mann gespielt werden musste. In einer Show sprang auch Eva Maria Bender - eigentlich nur für Barbara Raunegger als Madame eingesprungen - in einer Rolle ein, die sie ebenfalls nicht einstudiert hatte. In einem Stück, bei dem das Ensemble so viele wichtige Kleinigkeiten zu tun hat, ohne die Kulisse und Requisite nicht vollständig sind und wichtige Textzeilen fehlen, ist das defintiv keine Kleinigkeit und geht auch - denke ich mal - über die normale Arbeit von Swings hinaus.
Den meisten Respekt bekam wohl jedoch Jens Janke, der eigentlich die Hauptbesetzung des Zigeunerkönigs Clopin war (und somit keine andere Rolle aus dem Stück gelernt hatte), für einige Shows dann aber plötzlich in gerade einmal 24 Stunden die Rolle des Frollo lernen musste, da alle drei eingeplanten Besetzungen krank waren. Ich hatte das Glück, die erste dieser Shows zu sehen, und war extrem beeindruckt, wie absolut glaubhaft und sicher Jens diese Rolle nach nur einem Tag Vorbereitung meisterte. Und das, obwohl die Rollen des ausgeflippten, exzentrischen Clopin und des todernsten Frollo sehr unterschiedlich sind, vor allem von der Stimmlage her. Hut ab, Herr Janke!



Fazit

Es ist noch längst nicht alles gesagt, was ich zu diesem Stück zu sagen hätte, aber es wird langsam Zeit, diesen Post zu veröffentlichen und ich kann ihn gegebenenfalls später noch ergänzen. Eventuell schreibe ich auch noch einmal einen seperaten Post zum Chor in diesem Stück und wie die Proben und Shows und die Arbeit im Theater für uns so abgelaufen sind.

Bis dahin bleibt mir erstmal nur, euch dieses Stück ans Herz zu legen, wenn ihr Disney mögt, aber auch etwas für ernste Themen und traurige Momente in Musicals übrig habt. "Der Glöckner von Notre Dame" ist eine emotionale Achterbahnfahrt mit wichtigen Botschaften, einem liebenswerten Helden und einem interessanten Antagonisten, intelligent gemachter, wunderschöner Musik und einer kreativen Aufmachung, gespielt von einem grandiosen Ensemble.
Schaut es auch an vom 12.11.-07.01. im Deutschen Theater München oder ab dem 18.02. für 13 Monate im Stage Apollo Theater in Stuttgart!

Und falls ihr aus der Nähe von Stuttgart kommt und gerne ebenfalls an diesem fantastischen Stück mitwirken würdet: ORSO, der Verein, mit dem ich in Berlin beim "Glöckner" mitgesungen habe, sucht noch Sänger*innen für den Projektchor in der Spielzeit in Stuttgart. Ich kann es nur empfehlen.



* Mir ist bewusst, dass das Wort "Zigenuer" politisch nicht korrekt ist. Da ich mich in meiner Rezension aber auf die Inhalte des Stückes beziehe, in welchem der Begriff vorkommt, da es sich wiederum an dem schon etwas älteren Roman von Hugo orientiert, habe ich keine bessere Lösung gefunden. Vorschläge sind willkommen!


Kommentare:

  1. Klasse. Ich bin gespannt auf die Fortsetzung, wo du etwas zum Chor sagst - Stella hat mir ja auch ein wenig berichtet.

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    1. Mal gucken, wann ich die dann schreibe. Ich weiß auch gar nicht, wieviel ich so erzählen darf. Aber es hat wirklich großen Spaß gemacht :).

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  2. Hallo liebe Charlie,

    ich möchte zu diesem wirklich tollen Beitrag eigentlich gar nicht so viele Worte verlieren, weil ich das Musical nicht kenne und daher kaum was hinzuzufügen hätte, aber ich finde es unglaublich beeindruckend, dass du im Chor mitsingen durftest, zumal es nach einer tollen Erfahrung klingt!

    Liebe Grüße ♥

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    1. Hi Dana,

      wenn du den Glöckner nicht kennst, verpasst du aber wirklich was ;).
      Es war definitiv ein wirklich tolles und vor allem wohl einmaliges Erlebnis!
      Es freut mich sehr, dass du meinen Post gelesen hast, auch wenn du das Stück nicht kennst :).

      Liebe Grüße!

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