[Buchrezension + Interview] "Sumerland" von Johannes Ulbricht

Charlie | Samstag, 23. Dezember 2017 |
Heute gibt es eine ganz besondere Rezension auf meinem Blog zu lesen, denn zu "Sumerland" gehören nicht nur zwei Romane, sondern auch eine App mit interessantem Spielkonzept. Außerdem war der Autor höchstpersönlich mir ein Interview zu seinem Werk zu geben. Ich hoffe, seine Ideen können euch genauso interessieren wie mich.



© Panini






Autor: Johannes Ulbricht
Verlag: Panini
Genre: Fantasy, Science Fiction
Reihe: 1. Teil einer Dilogie
Erscheinungsdatum: August 2016
Seitenzahl: 400 (Klappenbroschur)
Verlagsseite










© Panini







Autor: Johannes Ulbricht
Verlag: Panini
Genre: Fantasy, Science Fiction
Reihe: 2. Teil einer Dilogie
Erscheinungsdatum: August 2016
Seitenzahl: 400 (Klappenbroschur)
Verlagsseite










Inhalt

Die Welt, in der wir zu leben meinen, ist in Wahrheit eine einzige Illusion. Tatsächlich leben wir in der einzigen bekannten Stadt der Welt namens Waylhaghiri, in der das größte Ziel ist, möglichst erfolgreich und beneidet zu sein. Im Kontrast zu Waylhaghiri steht das Sumerland, das aus reiner, weiter Natur besteht und dessen Bewohner sehr kindlich veranlagt sind.

Prinz Zazamael von Waylhaghiri macht sich auf ins Sumerland, um den geheimnisvollen Wein zu finden, mit dem seine „große Fusion“ gelingen soll. Gleichzeitig schleicht sich Prinzessin Serisada vom Sumerland in Zazamaels Stadt ein. Beide drohen von den Gefahren der ihnen unbekannten Umgebung überwältigt zu werden, auf sehr unterschiedliche Weise.

Währenddessen kämpft eine weitere Hauptfigur, eine namenlose Frau in unserer Welt, die sich der Illusion bewusst ist, mit der Trostlosigkeit ihres Lebens und dem Drang sich zu beweisen.
Ausserdem lernt sie ein Mädchen kennen, dass erstaunlicherweise mehr über das Sumerland zu wissen scheint als so mancher Erwachsene.



Meinung

Ich kann wohl mit Fug und Recht behaupten, schon lange keine so seltsame und gleichzeitig so faszinierende Reihe mehr gelesen zu haben wie „Sumerland“. 
Die beiden Bände, die inhaltlich nahtlos aneinander anknüpfen und zusammengehören, wurden mir als Rezensionsexemplare angeboten und die Idee reizte mich sehr. Unsere Welt ist eine Illusion, was sehr an den Sci-Fi-Klassiker-Film „Matrix“ erinnert, während die Idee des Sumerlandes eher nach klassischem Fantasy klingt. Und tatsächlich ist „Sumerland“ eine Art Mischung aus „Matrix“, „Alice im Wunderland“ und Wirtschaftspsychologie. Klingt abgedreht? Ist es auch! Aber auch sehr originell und faszinierend.


Die Geschichte besteht aus vier Handlungssträngen, die unterschiedlich viel Raum im Roman einnehmen.

Einer davon ist der von Prinz Zazamael, der im ersten Band am ehesten einem klassischen Fantasy-Abenteuer ähnelt. Der Prinz ist mit seinen Soldaten unterwegs durchs Sumerland, um etwas zu finden, was er den Wilden Wein nennt. Doch den Bewohnern des Sumerlandes passt das überhaupt nicht und nach und nach werden die Soldaten niedergemetzelt, wodurch dem Prinzen die Zeit davonläuft.
Aufgrund des Settings hat dieser Handlungsstrang etwas von einem Fantasyroman, aufgrund der Handlung eher von einem Thriller, weshalb er für mich im ersten Band auch der spannendste war. Man kann miträtseln und mitfiebern, auch wenn man nicht so richtig weiß, ob man überhaupt auf Zazamaels Seite stehen sollte.
Leider passiert im zweiten Band in diesem Handlungsstrang dann vergleichsweise wenig, wodurch seine Figur in den Hintergrund tritt und man nicht mehr viel Neues über ihn erfährt.

Prinzessin Serisadas Erlebnisse bei der Infiltration von Waylhaghiri bilden einen weiteren, ebenfalls sehr interessanten Handlungsstrang. Das Konzept von Waylhaghiri ist komplex und ich kann nicht behaupten, es komplett verstanden zu haben. Einiges kommt einem sehr absurd vor, ein bisschen wie bei „Alice im Wunderland“: Eine abgedrehte, farbenfrohe Welt voller und fremder Dynamiken, die auf unheimliche Weise dennoch mit unserer Welt verbunden sind und uns bekannte Phänomene erklären - denn in gewisser Weise ist Waylhaghiri in diesem Roman die Basis unserer Welt.
Spannend fand ich vor allem die Idee der verschiedenen Stadtschichten, durch die man sich hocharbeiten muss, und die scheinbar ein wenig unsere historischen Epochen darstellen. Auf ihrem Weg muss sich Serisada durch diese Schichten hochkämpfen und begegnet dabei den aberwitzigsten Gestalten und Aufgaben, was besonders im zweiten Band großen Spaß macht.

Ein dritter Handlungsstrang, der alle vier auf gewisse Weise zusammenhält, ist der einer Frau, die in "unserer Welt" lebt, jedoch halb in das Geheimnis von Waylhaghiri eingeweiht ist. Immer wieder wirft sie Blicke in die Welt von Serisada und Zazamael, welche dann deren Handlungsstränge bilden, was sie jedoch auch frustriert, da ihr Leben ihr dadurch trostlos vorzukommen scheint, auch wenn sie durch ihr Wissen deutliche Vorteile hat. In ihrem Handlungsstrang geht es hauptsächlich um ihre Arbeit und ihren Wunsch nach der großen Liebe, was mich jedoch beides kaum interessieren konnte. Für mich war die Funktion ihrer Abschnitte lediglich der Zusammenhalt der anderen Handlungsstränge.
Die Perspektive der Frau irritierte mich stets, da sie meist mit einem verstorbene Bekannten namens Andi zu sprechen scheint, der sie damals in das Geheimnis einweihte und sie nun verfolgt - als eine Art Wahnvorstellung, so wie ich es verstanden habe. Die ständige Betonung seines Namens und die daraus resultierende Du-Perspektive, in der sie ihm immerzu beschreibt, was sie gerade tut und warum, obwohl er das ja ohnehin sehen würde, wenn er sie, wie sie glaubt, verfolgt, waren für mich extrem anstrengend zu lesen.

Der vierte Handlungsstrang wirkt zunächst unpassend, offenbart schließlich jedoch einen interessanten Blick auf die anderen drei. Susanne, die Nichte der namenlosen Frau aus unserer Welt, berichtet ihrer Tante von einem "Spiel der herbeigedachten Dinge", das sie erfunden hat und das bemerkenswert nach dem Sumerland klingt. Nach einer Weile bekommt man den Eindruck, sie könnte die "wahre Welt" rund um Waylhaghiri erfunden haben, was alles, was man bisher verstanden zu haben glaubte, wieder durcheinanderbringt.
Für ein Kind ist Susanne allerdings erstaunlich reif und hat jede Menge kluge Ideen. Sie erkennt gesellschaftliche Dynamiken, die Erwachsene überhaupt nicht bemerken, und beschließt, sich mit ihrer Fantasie die Welt so herbeizudenken, wie sie sie gerne hätte. Auch diesem Handlungsstrang kommen extrem viele kluge Gedanken vor, die einem die Augen öffnen, doch häufig wirkt Susanne auch nicht wirklich authentisch, zu reif und unemotional für ihr Alter. Zusätzlich (wohlmögloch auch deswegen) zieht sich auch ihr Handlungsstrang leider vor allem im zweiten Teil sehr.

Alle vier Handlungsstränge hängen auf gewisse Weise zusammen, was zum Teil erst später deutlich wird, und man wird nie so ganz schlau daraus, welcher jetzt die "Realität" ist, die die anderen drei bedingt. Dieses Erzählkonzept hat mich sehr fasziniert und zeigt die Komplexität der Romanreihe. Insbesondere die Zusammenführung von Serisadas und Zazamaels Erzählstrang und die überraschende Wendung am Ende haben mir gut gefallen.
Allerdings hatte ich in Band 2 den Eindruck, dass keiner der Handlungsstränge wirklich zufriedenstellend abgeschlossen wird. Viel zu viele Fragen blieben für meinen Geschmack offen, während besonders die Geschichte der namenlosen Frau und die von Serisada und Zazamael zu einem viel zu plötzlichen Ende kommen. Beispielsweise wird nie erklärt, ob Susanne das Sumerland nun erfunden hat, und falls nicht, wieso ihr Spiel dieser Welt dann so sehr ähnelt. Auch was Prinz Zazamaels heißersehnte "große Fusion", deretwegen regelmäßig ganze Ebenen von Waylhaghiri untergehen, sein soll und was er sich von ihr verspricht, erfahren wir nie wirklich.


Obwohl mich das Buch von Anfang an fasziniert hat, fiel mir der Einstieg erst sehr schwer. Die Perspektiven wechselten anfangs ziemlich schnell, was in der „Eingewöhnungsphase“ der Geschichte etwas störend war, weil man so die zum Verständnis nötigen Informationen nur in sehr kleinen Häppchen bekam. Ohnehin ist das Buch anfangs wirklich sehr verwirrend, da es aus vielen neuen, nicht immer leicht zu greifenden Ideen besteht. Doch weil mich die meisten dieser Ideen sehr faszinierten, ließ es sich trotzdem sehr schnell lesen.
Später werden die Kapitel dann länger, was ich persönlich angenehmer fand, enthalten zum Teil aber auch sehr lange Abschnitte ohne einen einzigen Absatz, was beim Lesen auch nicht direkt angenehm ist.

Generell war das Aufeinanderprallen zweier völlig verschiedener Welten wie Sumerland und Waylhaghiri anfangs sehr verwirrend für mich. Einerseits wechselt der Schreibstil, wenn die Perspektive von Zazamael oder Serisada an der Reihe ist, in eine eher altmodische, fantasyähnliche Art, der Prinz und seine Armee bewegen sich auf Pferden fort und Panzerriter arbeiten für ihn. Andererseits ist Waylhaghiri eine hochmoderne Stadt mit Jobbezeichnungen wie Senior Strategic Security Advisor und Senior Elimination Manager (Umschreibung von Attentäterin) und Wörter wie „Glamour“ werden häufig verwendet, was in den Weiten des Sumerlandes oft fehl am Platz wirkt.



Der faszinierendste Aspekt der Reihe ist mit Sicherheit die bereits erwähnte bunte, verrückte und komplexe Welt von Waylhaghiri. Man wird beim Lesen den Eindruck nicht los, dass der Autor sich viel mit Wirtschaftpsychologie, Marketing, Konsumverhalten und gesellschaftlichen Phänomenen befasst hat und diese auf überaus intelligente Weise in den Roman einbaut.
Waylhaghiri ist eine sehr transparente Gesellschaft, in der die Menschen öffentlich einsehbare Statistiken darüber haben, wie erfolgreich sie in dem sind, was sie tun. Das allgemein bekannte Ziel ist es, erfolgreicher und besser zu sein als andere - Fast kam es mir wie eine überspitzte Version unserer Gesellschaft vor, in der Menschen sich immer mehr über soziale Netzwerke in der Öffentlichkeit präsentieren und mit anderen vergleichen und verglichen werden können. Und das Faszinerende an Waylhaghiri ist: Genau solche Phänomene könnte man mithilfe von Johannes Ulbrichts Idee erklären, denn unsere Welt ist quasi ein Schatten von Waylhaghiri.
Da gibt es zum Beispiel die „Naturgesetze“ von Waylhaghiri, die eine Art Spiegel unserer Welt zu sein scheinen, der uns so einige Absurditäten unseres Alltags vor Augen hält. So gibt es beispielsweise die Heisenbergsche Unschärferelation der Ästhetik, die besagt, dass je näher man der Perfektion zu kommen versucht, man immer mehr Fehler entdeckt, die es auszugleichen gilt, sodass man das Ziel letztendlich nie erreichen wird. In gewisser Weise kam mir das bekannt vor, ähnlich wie die Feedbackstarre, die entsteht, wenn man so sehr damit beschäftigt ist, auf die Reaktionen und die Anerkennung anderer zu warten, dass man mit der eigentlichen Tätigkeit nicht mehr vorankommt.
Auch gibt es in Waylhaghiri beispielsweise Tugenden, die sich stark von unseren „klassischen“ Tugenden unterscheiden, uns aber nicht unbekannt sind: Genussfreude, gesunder Appetit, sportlicher Ehrgeiz, Coolness, gesunder Geschäftssinn - Eigenschaften, die entweder in einer Wettbewerbsgesellschaft, in der sich die Menschen zudem gerne öffentlich präsentieren, von Vorteil sind und geschätzt werden, oder die der Wirtschaft beim Verkauf von Produkten eine Hilfe sind.
Waylhaghiri ist eine Art System, das sich ständig selbst befeuert. Die Menschen müssen nicht unterdrückt und zum Gehorsam gezwungen werden, da sie sich selbst freiwillig in den Strudel aus Selbstoptimierung und Ehrgeiz begeben und dadurch letztendlich im Leben nichts tun, was sie persönlich erfüllt. Eine verstecke Gesellschaftskritik? In jedem Fall ein dystopisch anmutender Weltenentwurf, der mir sehr gut gefallen hat.

Über die Bewohner*innen des Sumerlandes erfährt man dagegen leider nicht so viel, obwohl auch diese sehr interessante Eigenschaften zu haben scheinen. Sie sind offenbar trotz ihrer bemerkenswerten Fähigkeiten im Kampf eher kindisch veranlagt, selbst wenn sie schon erwachsen sind, was sich auch an Prinzessin Serisada zeigt, die bereits etliche Jahre alt sein muss, sich aber immer noch oft wie ein Kind verhält. Dieser Kombination von Kindlichkeit und Brutalität wird jedoch leider nicht viel näher auf den Grund gegangen und die Lebensweise der Sumerländer*innen lange nicht so detailliert beschrieben wie die der Menschen aus der Stadt, was ich sehr schade fand, besonders, da sich beide am Ende auf faszinierende Weise verbinden.


Den Figuren der Reihe stand ich leider größtenteils skeptisch gegenüber, wobei ich auch der Meinung bin, das sie nicht der wichtigste Aspekt der Geschichte sind.

Mit Serisada als Figur hatte ich beispielweise so meine Probleme, denn sie war mir zu schwer greifbar und manchmal zu inkonsequent dargestelt. Im Sumerland verhält sie sich, wie auch ihre Untertanen, trotz ihres Alters noch sehr kindisch. Sie ist sprunghaft, ihre Stimmungen und Meinungen wechseln schnell, was etwas nervig ist. In Waylhaghiri dann scheint sie schnell mutig, selbstbewusst und intelligent zu sein und überhaupt nicht mehr kindlich, wird jedoch auch schnell von dem System dort eingenommen. Mir fehlte es bei ihr ein wenig an einer eigenständigen Persönlichkeit; sie schien sich völlig abhängig von der Umgebung zu verhalten. Auch im zweiten Band wechselt sie zwischen einer völligen Faszination von Waylhaghiri und dem plötzlich wiedergekehrten Wunsch, doch eine Revolution auszulösen.

Die namenlose Frau war mir schlichtweg unglaublich unsympathisch. Sie ist oberflächlich und spricht ständig nur davon, dass sie nicht mehr attraktiv sei und nicht so viel Süßes essen sollte, damit sie nicht dick und hässlich würde, und dass sie attraktiv auf Männer wirken will. Sie spricht von der großen Liebe, klingt dafür aber nicht emotional genug.
Auch ist der Schreibstil in ihren Abschnitten geprägt von eingeschobenen Nebensätzen, recht kryptisch formuliert und sie wiederholt sich ständig, beispielsweise bei der Erwähnung der Tatsache, dass sie nur halb in das Geheimnis von Waylhaghiri eingeweiht ist, was sie sehr zu wurmen scheint.
Allerdings konnte ich dem Autor nicht wirklich vorwerfen, dass er diese Figur erfunden hat, denn in gewisser Weise zeigt sie, wie sehr die wirtschaftlichen Prinzipien von Waylhagiri die Menschen in unserer Welt kaputtmachen und abstumpfen können. Ich gehe davon aus, dass sie mit Absicht gestaltet ist, wie sie gestaltet ist, und das machte sie wiederum wieder interessant.


Ein Punkt, der allerdings eher am Verlag als am Autor lag und der mich sehr irritiert hat, war der Klappentext. Denn der beschreibt bei beiden Bänden die gesamte Handlung bis auf die letzten Seiten relativ ausführlich und nimmt damit einen großen Teil der Spannung.


Fazit

„Sumerland“ ist eine Geschichte, die mit ihren komplexen Ideen und vielen unterschiedlichen Handlungssträngen zunächst überfordert, auch wegen der ungewöhnlichen Erzählweise und Figuren. Gleichzeitig fasziniert sie aber auch durch den Weltenentwurf, die Verbindung von unserer mit der Fantasiewelt, die einigen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Absurditäten unseres Alltags auf intelligente Weise einen Spiegel vorhält.
Definitiv empfehlenswert für alle, die sich im Bereich Fantasy und Sciencd Fiction an etwas Neues wagen wollen.



Sumerland - Das Augmented-Reality-Spiel


Die kostenlose "Sumerland"-App bietet die Möglichkeit, die Idee der Buchreihe zum Teil im echten Leben nachzuspielen. Mit dem Smartphone kann man in ganz Deutschland an öffentlichen Orten versteckte Symbole einscannen und dadurch Textausschnitte und Rätsel freischalten, die es zu lösen gilt. Alternativ lassen sich die Symbole auch auf der zum Spiel gehörenden Website herunterladen.
Hat man alle Rätsel gelöst - so verrät die Website geheimnisvoll - werde man eventuell in die Geheimgesellschaft aufgenommen. Wie ihr später im Interview lesen werdet, ist das aber noch nicht alles: Weitere Schritte in der Entwicklung des Spiels sind in Planung.

Die Textausschnitte der App stammen aus den Romanen und auch die Rätsel beziehen sich auf dessen Handlung. Grundsätzlich lässt sich das Spiel problenlos spielen, ohne die Bücher gelesen zu haben, jedoch verrät es eine Menge über deren Handlung, sodass ich empfehlen würde, die Romane zuerst zu lesen, sofern man das noch vorhat.

Die Rätsel waren zum Teil recht leicht. Es handelt sich zu großen Teilen um Suchspiele oder Fragen, deren Antworten sich in den jeweiligen Textausschnitten finden, wobei manche als Fangfrage gestellt sind. Andere kann man im Notfall schnell durch Raten lösen, auch wenn das nicht sonderlich befriedigend ist. Insbesondere ein Rätsel, das ich nur durch langes Raten gelöst habe, habe ich allerdings bis heute nicht verstanden und ich hätte mir eine Möglichkeit gewünscht, eine genauere Erklärung, Tipps oder einen Lösungsansatz zu bekommen, da die Rätsel meist nur aus einer nicht immer ganz klaren Frage bestehen und man nie weiß, ob das Bild oder der Textausschnitt für die Lösung nötig ist.



 Interview mit Johannes Ulbricht

 Zu "Sumerland" gibt eine Premiere auf meinem Blog, denn Johannes Ulbricht hat sich freundlicherweise bereiterklärt, mir ein Interview zu seiner Buchreihe und dem dazugehörigen Spiel zu geben. Vielen Dank nochmal dafür!



Über „Sumerland“ für meinen Blog zu schreiben, fiel mir bisher persönlich schwer, da die Geschichte mit ihren verschiedenen Handlungssträngen und sehr unterschiedlichen Settings und Figuren ziemlich komplex ist.
Wie würden Sie in wenigen Sätzen erklären, worum es in den Büchern geht? 



Sumerland hat drei Handlungsebenen, die miteinander verzahnt sind. Nach einiger Zeit merkt der Leser, wie diese Handlungsebenen sich gegenseitig beeinflussen.

1) Eine Single-Frau, die in einer Werbeagentur arbeitet. Von ihrem früheren Freund hat sie erfahren, dass unsere Zivilisation nur eine Illusion ist, in der wir gefangen gehalten werden. Sie kann gelegentlich hinter diese Illusion sehen und die Fantasy-Welt, die die eigentliche Wirklichkeit ist, wahrnehmen. Die Single-Frau ist ziemlich narzisstisch und unglücklich.

2.) In der Fantasy-Welt führen zwei unsterbliche Königskinder und ihre Reiche seit Jahrhunderten einen erbitterten Krieg. Prinz Zazamael ist Herrscher über die einzige Stadt in der Welt mit ihrem Glamour und ihrer Zivilisation. Prinzessin Serisada herrscht über die grenzenlose Wildnis, die diese Stadt umgibt.

3.) Die Nichte der Single-Frau, ein Mädchen, denkt sich während der Schulferien phantastische Spiele aus, die sämtliche materiellen Spielsachen überflüssig machen sollen. Aus diesen phantastischen Spielen resultieren Bandenkriege zwischen den Kindern.



Welchem Genre würden Sie die Geschichte zuordnen? Welchen Leser*innen würden Sie sie empfehlen (z.B. Menschen, die auch einen bestimmten Autor, einen bestimmte Film, etc. mögen)?

Ich würde die Geschichte am ehesten mit dem Film „Pans Labyrinth“ vergleichen. Das Flair ist ähnlich und der Zusammenpralll von schroffer Realität mit Märchenhaftem. Man könnte auch sagen „Momo meets Cyberpunk“ oder „Matrix als Fantasy-Märchen“. 

Leider lässt sich die Geschichte schlecht in ein bestehendes Genre einsortieren. Obwohl sie viele Elemente der Urban Fantasy aufweist, merke ich inzwischen, dass vor allem Leser von Cyberpunk und Dystopien davon angesprochen werden. Das liegt daran, dass die Protagonisten nicht sonderlich sympathisch sind sondern viele schlechte Charakterzüge haben, was bei Cyberpunk-Romanen ebenfalls häufiger der Fall ist.



Vom Verlag werden beide Bücher auch als „Das Buch zum Aufmented-Reality-Abenteuer“ angekündigt, also als Weiterentwicklung der Sumerland-App, und Ihre Danksagung widmen Sie den Menschen, die „dieses Spiel frühzeitig ernst genommen haben“. Habe ich es richtig verstanden, dass zuerst das Spiel entstand und danach erst die Romane? Wie kam es dazu?

Die Romane entstanden vor dem Spiel. Der Satz im Vorwort ist eine Anspielung auf einen Teil der Romanhandlung, denn ich hier aber leider nicht vorwegnehmen kann ohne zu viel zu verraten.

Das Spiel habe ich dann gemeinsam mit mehreren guten Freunden und Bekannten gemacht, um das Konzept einer Realität, die aus einem Spiel steht, umzusetzen. In einem ersten Schritt ist das Spiel nur ein Rätselspiel. In einem zweiten Schritt soll es zu einem Live-Rollenspiel ausgebaut werden, bei dem die Spieler reale Orte und Gegenstände zu einer phantastischen Welt umdefinieren, also quasi in der phantastischen Realität hinter der Scheinwelt unserer Zivilisation sind und dort miteinander interagieren.


Beim Spielen des Spiels hatte ich das Gefühl, dass die Rätsel gemeinsam eine Art Querschnitt durch die Buchreihe bilden und dabei auch einiges über deren Handlung verraten. Gleichzeitig war ich mir nicht sicher, wieviel ich von der Geschichte verstanden hätte, hätte ich die Bücher nicht zuerst gelesen. 
Wenn man sich sowohl für das Spiel als auch für die Bücher interessiert, womit würden Sie empfehlen anzufangen und warum? Ist das Spiel auch unabhängig von den Büchern verständlich? 

Die Romane sind in der jetzigen Phase wichtiger als das Spiel, das eher eine Art Zugabe ist. Das kann sich allerdings mit dem weiteren Ausbau des Spiels bald einmal ändern. Das Spiel ist aber auch ohne die Romane spielbar. Es gibt viele Spieler, die alle Rätsel gelöst haben, ohne die Romane zu lesen.


Mehr aus Neugier als aus journalistischem Interesse: Ich habe im Spiel bereits alle Rätsel gelöst und meinen Registrierungscode abgeschickt. Geht es nach der daraufhin versprochenen Mail noch weiter? 

Ja, aber erst in einiger Zeit, da wir das Live-Rollenspiel erst starten können, wenn die technische Umsetzung soweit ist und wir in allen Teilen Deutschlands mit Markern präsent sind - was eine ziemliche Aufgabe ist.



Ich hatte beim Lesen den Eindruck, dass bei den Strukturen von Waylhaghiri und deren Einfluss auf unsere Welt wirtschafts- und sozialpsychologische Prinzipien und Ideen eine große Rolle spielen. Ist das korrekt oder haben Sie ihre Welten unabhängig von der Wissenschaft entwickelt? Inwieweit setzen Sie sich mit diesen Gebiete  beruflich oder aus privatem Interesse auseinander? Hat unter anderem Interesse an diesen Themen die Ideen zu „Sumerland“ angestoßen?

Sumerland soll ein gesellschaftskritischer Fantasy-Roman sein, der dazu anhält, die Augen zu öffnen und das zu hinterfragen, was einem als selbstverständlich vorgegeben wird. Für die Beobachtung der Wirklichkeit als etwas Neues und Unerwartetes, die nicht unbedingt das ist, was als Selbstverständlich gilt, braucht man aber keine wissenschaftlichen Kenntnisse. 

Es geht mir bei dem Buch auch darum, dass die Wirklichkeit so spannend und so voll Emotionen sein kann wie eine Fantasywelt, wenn man sie mit neuen Augen betrachtet und sich von den ausgetretenen Pfaden des Denkens und Erlebens löst.


Die Menschen in Waylhaghiri führen ihr Leben öffentlich. Statistiken über ihre Fähigkeiten und ihren Bekanntheitsgrad sind jederzeit für alle über die zentrale Datenbank einsehbar und der Neid und die Aufmerksamkeit anderer sind extrem wichtig für die Menschen. 
Wenn man dagegen Sie googlet, findet man auf die Schnelle bis auf ein wenig Berufliches kaum etwas.
Aus welchen Gründen präsentieren Sie sich nicht so im Internet wie andere Autor*innen? Versuchen Sie beispielsweise nicht, ihre Bücher und das Spiel über Social Medie aktiv zu vermarkten? 

Ich würde gern mehr Werbung für Sumerland machen, weil ich die Bücher noch immer sehr gern mag, obwohl es nun schon einige Jahre her ist, dass ich die Arbeit an ihnen abgeschlossen habe. Leider schaffe ich es zeitlich nicht, mehr Werbung zu machen. Ich habe andere berufliche Projekte, die mir sehr wichtig sind und arbeite auch an einem neuen Buch, wobei hier bestimmt noch vier oder fünf Jahre vor mir liegen, bis es fertig wird. Dabei lerne ich auch aus der teilweise berechtigten Kritik an Sumerland - die Protagonisten sind nicht sympathisch und der Einstieg ist mühsam, was auch an den vielen verschiedenen Handlungsebenen liegt, die sich erst einmal miteinander verzahnen müssen, bevor alles in Schwung kommt.


Am Beispiel von Waylhaghiri werden einige Konzepte vorgestellt, die aufzeigen, wie nachteilig sich der Vergleich mit anderen und der Wunsch nach Ruhm und Anerkennung auf Menschen auswirken kann. So gibt es beispielsweise die Feedbackstarre, bei der man so sehr auf die Reaktionen anderer fixiert ist, dass man mit der eigentlichen Tätigkeit nicht mehr weiterkommt, oder auch die Heisenberg‘sche Unschärferelation der Ästhetik, die besagt, dass man, je näher man der (scheinbaren) Perfektion kommt, immer mehr Fehler entdeckt.  
Was zunächst wie unheimliche, destruktive Phänomene einer Fantasiewelt wirkt, erweist sich bei genauerem Hinsehen als treffende, überspitzte Zeichnung unseres Alltags. Mir jedenfalls kamen einige der waylhagirischen Gesetze erschreckend bekannt vor.
Wieviel von Waylhaghiri entspringt Ihren eigenen Erfahrungen aus dem Alltag?

Alles in Waylhaghiri ist eine Allegorie auf unseren Alltag. Deshalb sind manche Fantasyelemente nicht logisch erklärt, ebensowenig wie es beispielsweise bei „Momo“ eine logische Erklärung dafür gibt, dass kein einziger der grauen Herren Zigaretten oder Pfeife raucht oder weshalb Cassiopeia Buchstaben auf ihrem Schildkrötenpanzer anzeigen kann. Das sind allegorische Bilder, die keine logische Erklärung haben.





Vielen Dank

  • an Johannes Ulbricht für das Interview!
  • an die Agentur Literaturtest für die Vermittlung der Rezensionsexemplare und des Interviews
  • an den Panini Verlag, ebenfalls für die Rezensionsexemplare und für die Erlaubnis zur Nutzung der Buchcover


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